Schlaglicht / Freitag, 20.02.2015

Der Türsteher zwischen Zen und Wahn-Zen

 
 

Eigentlich müssen Türsteher teflonbeschichtet sein. Aber selten klingt das so komisch wie bei einer Lesung von Viktor Hacker, unserem tapferen Kolumnisten.

Kiezmuseum Donnerstag abend – dicht gefüllt. Viktor Hacker – bühnenfein im schwarzen Anzug, passend zum Programm „Schöner Türstehen“. Im Publikum – viele aus der Clubszene. Und viele, die ihn aus unserer Türsteher-Kolumne „Eingangs erwähnt“ oder von früheren Lesungen kennen.

„Pinneberg“ erzeugt im Publikum ein reflexartiges Grinsen

Viktor im Kiezmuseum

Viktor im Kiezmuseum

Aber man muss ihn eben hören. Der Mann kann nicht nur mit Sprache umgehen, er hat auch eine Gestaltwandler-Stimme. „Kevin und Dustin aus Pinneberg“ kann er genau so wiedergeben wie Lisa aus Eimsbüttel, die überhaupt nicht versteht, warum sie ihre Wasserflasche nicht mit in den Club nehmen darf („Ist doch noch was drin!“ – „Ja eben!“) oder den Typ, der seine Freundin im Gewimmel verloren hat („Wo ist die denn hingegangen? Musst du doch gesehen haben!“). Auch die schwankenden Sonnenblumen vom Schlagermove und die Harley-Knattergreise mit den knirschenden Lederhosen erkennt man sofort wieder. Pinneberg und andere Orte der Metropolregion tauchen naturgemäß häufiger auf in Viktors Türsteher-Geschichten auf und erzeugen im Publikum dann so ein reflexartiges Grinsen. St. Pauli ist offen und tolerant, aber ganz, ganz hinten im lokalen Wir-Gefühl steckt eben doch ein kleines bisschen Schadenfreude über die „Landlinge“.

Ich weiß nicht, wie Viktor das macht: Aus tausenden Standard-Erlebnissen an der Tür (vor dem „Molotow“ meistens) macht er kleine Erzähl-Perlen, so als wäre das alles ein einziges großes Abenteuer. Die ewigen Mitbringflaschen in den Taschen der Clubgäste, die den Türmann eigentlich nur noch nerven müssten, sind für Viktor „Getränke mit Migrationshintergrund“ (weil sie von Club zu Club migrieren). Und während manche Kollegen sich über Anreden wie „Tür-Nazi“ ärgern, versteht sich Viktor, ganz zen-mäßig, vor allem als „Konsensschaffer“. Also als eine Art Vaterfigur, denn einer muss ja mitten in diesem „hedonistischen weißen Rauschen in Teenager-Gehirnen“ einen klaren Kopf behalten.

Für Helene Fischer ist das „Molotow“ nicht ganz der richtige Ort

So ein Türsteher ist ein lebender „Infoterminal“, der alles wissen soll: Wo ist der EC-Automat, wo ist das Klo, wo geht’s zur Schanze, wo ist mein Rucksack, warum steht kein Caipi auf der Getränkekarte, wie viele Mädels werden heute abend kommen und warum, wenns doch keinen Caipi gibt? Mal stehen wortkarge Bomberjackenträger im Weg rum, mal fragen strandhaubitzenvolle Schlagerfreunde, ob im Molotow auch Helene Fischer gespielt wird („Nee, hier gibt’s härtere Musik.“ – „Wie härter?“). Sogar Menschen, die in ihrem Rucksack eine Thermoskanne mit „Fastensuppe“ mit auf die Tanzfläche nehmen wollen, kreuzen Viktors Eingang. Ab vier Uhr morgens hat dann auch die Geduld des Türmanns Grenzen („Blutstunde“).

Sein alter Freund Rico, Türsteher im Ruhestand, hat neulich gefragt: „Wie lange willst du das eigentlich noch machen?“ Dank seiner Zen-Übungen fühlt sich Viktor glücklicherweise noch fit genug, fürs Türstehen wie fürs Schreiben. Das ist eine gute Nachricht für Freunde der gehobenen Kiez-Unterhaltung. „Der Mann hat’s drauf, vor ihm kommt nur noch Max Goldt“, fand ein Zuhörer. Klingt wie ein Ritterschlag.

Hier gibts noch mehr von Viktor Hacker zu lesen. Die nächste Türsteher-Lesung findet statt am 4. März im Nochtspeicher, Beginn 20.30 Uhr (Einlass 20 Uhr), Eintritt: 7 Euro

 

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