Schlaglicht / Dienstag, 02.12.2014

Der Deal hinter dem Bunker-Dachgarten

 
 

Bunker zu Stadtgärten? Wäre ja schön – aber gerade entpuppt sich die geplante Begrünung des Feldstraßenbunkers eher als Astloch. Hier meine Meinung dazu.

Was für eine sympathische Idee eigentlich: Oben auf dem Feldstraßenbunker soll ein neuer, öffentlicher Garten entstehen. Quasi ein Stadtteilgarten, in dem Anwohner und Besucher etwas Grünes anbauen und dabei weit über St. Pauli sehen können. Im Oktober berichteten wir in diesem Blog über die Initiative Hilldegarden, die dieses Projekt zusammen mit dem Unternehmer Thomas J.C. Matzen entwickelt hat. Während überall in der Stadt Kleingärten, öffentliche Grünflächen und Straßenbäume gegen einträglichere Nutzungen verteidigt werden müssen, soll hier zusätzliches Grün entstehen – wow.

Ein üppig begrüntes Bunker-Modell mit Grünzeug aus dem Modellbau-Fachhandel

Und alles für den Steuerzahler anscheinend ganz umsonst, denn der Bunker ist privat:  Thomas J.C. Matzen hat von 1993 bis 2053 das Erbbaurecht. Er will auf das Bunkerdach noch einen Konzertsaal und ein Gästehaus für Künstler setzen und dabei auch den Stadtgarten finanzieren.

Der begrünte Bunker mit der Eampe von oben (Visualisierung von interpol studios)

Der begrünte Bunker mit der Rampe von oben: Das Modell von hilldegarden

Der Bunker, 1942 als Flakturm von Zwangsarbeitern gebaut, ist 39 Meter hoch und hat 3,5 Meter dicke Wände, ein grauer Klotz über dem Heiligengeistfeld. Dagegen wirkt das begrünte Modell des Projekts (Beitragsfoto: hilldegarden) wie ein utopischer Traum – im Modellbahn-Fachhandel gibt es ja heute die erstaunlichsten Grünmatten, Baum- und Sträuchergruppen aus feinsten Kunststoff-Schaumflocken zu kaufen. Obwohl ich mich schon wundere: Kann man in 40 Meter Höhe wirklich ein so üppiges Grün hinkriegen? Wie viel Erdreich hält das Dach aus? Welche Pflanzen und Bäume gedeihen da oben selbst bei Stürmen und Sommerhitze? Der Gartenmensch denkt ja mit.

Plötzlich wird die Kulturbehörde sehr, sehr freigiebig

Aber jetzt ist dieses sympathische Projekt ins Zwielicht geraten. Die Kulturbehörde, zu deren Verwaltungsbereich der Bunker als Denkmal gehört, will der Matzen GmbH den Erbbaurechtsvertrag um weitere 40 Jahre bis Ende 2092 verlängern und auf das dafür errechnete Entgelt von 2,56 Millionen Euro verzichten. Begründung: Schaffung eines grünen Kultur- und Erholungsraums und ein besseres „Mikroklima“ im Stadtteil. Barbara Kisselers Behörde möchte das Projekt jetzt durch den Senat und im Januar durch die Bürgerschaft jagen, damit Anfang 2015 der Bauantrag eingereicht werden kann.

Das ist ein merkwürdiger Deal. Rechnen wir mal vorsichtig: Wenn von der Geschossfläche im Bunker (17.500 m²) nur die Hälfte (8750 m²) zu einem Satz von zehn Euro/ m² vermietet ist, nimmt die Matzen GmbH schon jetzt pro Jahr rund eine Million Euro Miete ein, allein 2015 bis 2053 wären das 38 Millionen Euro. Wird nur die Hälfte der geplanten Dachaufbauten mit 9500 Quadratmetern zum gleichen Grundpreis vermietet, wären das ab 2015 jährlich 570.000 Euro Miete und bis 2053 zusätzlich 21,6 Millionen Euro. Schon ohne Vertragsverlängerung ergäben sich also insgesamt mindestens 60 Millionen Euro Mieteinnahmen.

 Eine „Park- und Freiluftgastronomie“ ist auch geplant

Bunker Feldstraße

Noch mal das Modell: Wie dick darf das Erdreich sein? Welche Pflanzen hätten wirklich eine Überlebenschance? Wo sind Sicherheitszäune? Alles nicht geklärt (Foto: Bodig)

Abzüglich der Baukosten von 25 Millionen und die der Gartenanlage von 7,5 Millionen Euro bleiben dem Unternehmen bis 2053 immer noch stolze 37,5 Millionen Euro übrig. Übrigens soll die Freifläche des Parks auch „durch eine professionelle Park- und Freiluftgastronomie bewirtschaftet werden“ (so heißt es in der Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft). Das erbringt wohl auch Einnahmen.

Macht alles nichts, meint die Kulturbehörde, denn die „Leistungen des Investors“ überstiegen ja die Höhe 2,56 Millionen-Entgelts und würden „die unentgeltliche Verlängerung des Erbbaurechts rechtfertigen“. Das sagt ausgerechnet die Behörde, die um Zuschüsse für jedes kleine Theaterprojekt und Stadtteilkulturzentrum schachert.

Soll Hilldegarden nur Erfüllungsgehilfe sein?

Tja: Mit diesem Schachzug wirkt der Dachgarten auf einmal nur noch wie Blendwerk. Und die netten Leute der Initiative mit dem tantenhaft harmlosen Namen „Hilldegarden“, die für den Stadtgarten werben und Anwohner einbeziehen wollen, geraten in den Verdacht, nur Erfüllungsgehilfen zu sein, um das Ganze sozialverträglich zu färben. Garten- und Landschaftsplaner wurden noch gar nicht zu Rate gezogen.

Bitte mal vom Dach wieder auf den Boden kommen

Stadt, Bürgerschaft und Bezirk wären gut beraten, das Projekt erst mal quasi vom Kopf auf die Füße zu stellen. Am Anfang steht doch wohl eine ausführlichere, öffentliche Erörterung, die neben Anwohnern auch die jetzigen Bunker-Mieter, Denkmalschützer, Garten- und Baufachleute einbezieht. Womöglich bleiben vom Dachgarten am Ende bloß Efeu und Pionierpflanzen.

Der Bezirksamtsleiter hat bereits signalisiert, dass für ihn weitere Fragen offen sind: Was passiert mit dem Gelände, wenn sich dort am Wochenende mehrere Tausend Menschen tummeln? Wie wird sich die Verkehrssituation an der Feldstraße verändern? Gibt es genug Stellplätze? Der Bund der Steuerzahler befürchtet, dass das Matzen-Modell unter weiteren privaten Dachgartenbesitzern Schule machen könnte. Komisch, dass Investoren immer so hoch hinaus wollen – wie bei der Seilbahn.

Update 3.12.2014:

Das vom Eigentümer des Bunkers beauftragte Planungbüro hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass in meiner fiktiven Kalkulation ein Denkfehler vorliegt und dass Kosten, die der Eigentümer des Bunkers jetzt schon hat und bestehende Pachtrechte nicht berücksichtigt wurden. Weil der Dachverhalt sehr komplex ist, haben wir uns zu einem ausführlichen Gespräch verabredet. Darüber werdet ihr dann in diesem Blog lesen.

 

Kommentare


  1. Liebe Frau Jung, Ihre Einwände sind absolut nachvollziehbar. So schön es sich auch anhört (eine Realisierung wäre ja evtl. wüschenswert) gibt es noch sehr viele Fragen zu klären. Warum die Senatorin hier so aufs Gaspedal drückt erschließt sich einem nicht. Daher erstmal alles auf den Tisch (Verkehr, Belastung etc.) und das bitte von und mit Profis.
    Viele Grüße
    Ralph Lindenau
    St.Pauli Bürgerverein

  2. Schön, dass auch auf dieser Seite Zweifel an gemeinnützigen Idee dieses Vorhabens angemeldet werden. Wer nach all der Geheimniskrämerei der Vergangenheit noch an der Formulierung „aus dem Stadtteil – für den Stadtteil“ festhalten will…
    Ganz offensichtlich handelt es sich bei der Geschichte um eine wirtschaftlich lukrative Aufstockung des Bunkers, die den Steuerzahlern und Anwohnern mit etwas grünem Beiwerk schmackhaft gemacht werden soll.
    Pfui!
    Wir haben unsere eigenen Ideen.

    • @larsbetram. Richtig erkannt, der Bunker würde natürlich kommerziellen Interessen dienen. Die Altherrenriege im Vorstand des Bürgerverein St.Pauli unter seinem der Wirtschaft sehr verbundenem Vorsitzenden erblödet sich nicht, für das Vorhaben zu werben! Natürlich genau so wie bei der dämlichen Seilbahn! Weder Vereinsmitglieder noch Einwohner werden um ihre Meinung gefragt! Sich bei der „lieben Frau Jung“ einzuschleimen wird nicht helfen, die St.Paulianer werden genau hinschauen!

  3. Pingback: Interview: Wie rechnen die Planer der Bunker-Begrünung?

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