Schlaglicht / Sonntag, 16.08.2015

Das Phantom der Oper besetzt die Rote Flora

Die Uraufführung von Christoph Faulhabers "Das Phantom der Oper"
 
 

Rund 2000 Menschen kamen zu der Neuinterpretation des Musicals an der Roten Flora. Es gab Beifall, aber auch Buhrufe. Die Floristen zeigen ihren zukünftigen Weg auf.

Hunderte Menschen blockieren sitzend das Schulterblatt, Farbbeutel fliegen, Bengalos brennen und eine dunkel gekleidete und maskierte Gestalt stellt von der Roten Flora aus Forderungen und verbreitet unter Androhung von Gewalt Angst und Schrecken. All dies gehörte am Sonnabendabend nicht zu einer Demo (obwohl kurz zuvor für das KoZe demonstriert wurde), sondern zu der Uraufführung einer Neufassung des Musicals „Das Phantom der Oper“ auf und vor dem besetzten Gebäude auf der Schanze.

Etwa 2000 Zuschauer kamen zum alternativen Kulturzentrum, um das erwartete Spektakel anzusehen. Darunter waren zahlreiche Linksaktivisten, aber auch Familien und ältere Herrschaften, die man eher im Original-Musical vermutet hätte. Künstler Christoph Faulhaber ließ das Stück von Studierenden der Hochschule für Musik und Theater aufführen, anlässlich des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel.

Das Phantom lässt Christine  ein Manifest vorlesen

Das Phantom lässt Christine ein Manifest vorlesen

Vier Schauspieler und Sänger führten die verkürzte Version vor dem 700 Quadratmeter großen Bühnenbild auf. Ein Live-Video aus dem Inneren der Flora zeigte den Zuschauern auf dem Schulterblatt das Gewölbe, in dem das Phantom haust. Über allem hing eine gigantische Discokugel, doch die Musik blieb weitestgehend klassisch, mit Kompositonen von Andrew Lloyd Webber, Wagner, Mozart und Puccini. Anfangs mussten die Besucher aufgrund technischer Probleme eine Stunde warten, doch dafür wurden sie später Teil der Inszenierung und durften mit Farbbeuteln auf die Flora werfen.

Phantom der Oper löste Besetzung aus

Die Besetzer der Flora zeigten mit der Aufführung zugleich ihre Vorstellung ihrer eigenen Zukunft auf. Sie zogen nach 25 Jahren eine Resumee und wollen sich mehr öffnen. Dabei bewiesen sie Humor, denn ausgerechnet das Musical „Phantom der Oper“ war Ende der 80er Jahre Auslöser für die Besetzung der Flora. Damals waren 3800 Polizisten im Einsatz, um die Vorstellung zu schützen, am Sonnabend waren nur in der Ferne Beamte zu sehen. Und so verschwommen eindrucksvoll Fiktion und Realität. Denn eigentlich erzählte „Das Phantom der Flora“ seine eigene Geschichte. Das Original-Stück wurde nach der Besetzung der Flora zur Realität.

Wie das Phantom maskieren sich die Besetzer, drohen auch mit Gewalt um ihre Forderungen durchzusetzen. Die Obrigkeit steht vor einem unlösbaren Problem. Und alles spielt sich in einem Opernhaus ab, in der Roten Flora statt in der Pariser Oper, und auch hier bricht die Kulisse irgendwann zusammen. Schließlich werden Renovierungsarbeiten nötig, Einsturzgefahr bedroht das Theater. „Wenn wir auf dieser Ebene sind, kann man natürlich ganz banal fragen, der Adlige, der hinter Christine her ist, ist das sowas wie Klaus-Martin Kretschmer oder ist das ein Musical-Komponist?“, sagt Faulhaber.

Rund 2000 Besucher kamen zur Flora

Rund 2000 Besucher kamen zur Flora

Zum Start der aktuellen Sommerbaustelle an der Flora verhüllte Faulhaber das Gebäude bereits mit der Installation „Das Phantom“. Die 700 Quadratmeter großen Plane, die an einem 18 Meter hohen Gerüst angebracht ist, zeigt die Fassade der Flora aus dem Jahr 1888 und dient zugleich als Bühnenbild. So entstand auch die Idee zu der gestrigen Aufführung. „Dieses Gerüst war nie der Endpunkt meines Projektes, ich dachte, da mit muss man ja noch etwas machen, wenn das da steht“, sagt Faulhaber. „Und ‚Phantom der Oper‘ war witzig, weil es das unmöglichste ist eigentlich, was man sich vorstellen kann.“ Gereizt hat den Künstler der Phantombegriff. „Wie wir mit der polizeilichen Erkennungsarbeit arbeiten und dieses ganze Überwachungsthema kommt: Polizei, verdeckte Ermittler. Fand ich toll, dass es sich dann auf einmal alles so verdichtet hat.“

Kritik an der Gentrifizierung des Viertels

Viel Überzeugungsarbeit war für Faulhaber in der Roten Flora nicht nötig. „Eigentlich so gering, wie noch nie“, sagt er. „Jeder hat für sich selber gemerkt, er muss lachen, aber weiß nicht, ob er es gut findet.“ Als Botschafter sieht der für das Konzept verantwortliche Faulhaber sich aber nicht. „Weder politisch noch moralisch würde ich mich da gerne für sowas hergeben“, sagt er. Klare Kritik gab es in dem Stück jedoch mehrfach. Die Schauspieler verlasen ein Manifest und wandten sich gegen neoliberalen Kapitalismus und die Gentrifizierung des Viertels.

Auf einer Leinwand wurde die kritisierte Kommerzialisierung der Kunst am Beispiel vom Phantom der Oper gezeigt

Auf einer Leinwand wurde die kritisierte Kommerzialisierung der Kunst am Beispiel vom Phantom der Oper gezeigt

Auch die heutigen Musical-Theater wurden für ihr Schaffen getadelt., Faulhaber sieht sie als „eine Art Unort“ und vergleicht sie mit einem Last-Minute-Urlaub. „Alles für dich ist fertig. Du weißt, du reist in das Vier-Sterne-Hotel am Meer und hast Musik und Drinks, und das buchst du und das kriegst du auch. So reist du in das Musical-Theater und das war es dann auch“, sagt er. Die Kunst darin solle wieder herausgenommen werden. So forderte auch das Phantom in der Aufführung eine „unberechenbare Kunst“.

Für Faulhaber ist dazu eine Grenzüberschreitung nötig. „Denn da muss man sich gegen gewisse Urheberrechte stellen, wenn der Urheber das nicht selber will“, sagt er. „Da kommt wieder die Rote Flora ins Spiel. Das ‚Phantom der Oper‘ lässt sich eigentlich nur hier aufführen, weil es keine andere Bühne gibt, die die Aufführungslizenz kriegen wird. Da ist der rechtsfreie Raum Rote Flora interessanterweise der einzige Ort in Deutschland.“

Kunst zwischen Kommerz und Wahrheit

Die Rote Flora bietet aufgrund ihrer Geschichte den perfekten Ort für seine Aufführung. „Das allegorische Dreieck aus Reichtum, Schönheit und Wahrheit. Die Liebe zwischen Glück und Leidenschaft. Die Kunst zwischen Kommerz und Wahrheit sowie das Gemeinwesen zwischen Egoismus und Idealismus des Stückes sind reizvolle Themen vor allem an diesem Ort“, findet Faulhaber.

Am Ende des Stücks fiel sogar die Verkleidung der Flora und gab einen Blick frei auf die neue echte Fassade. Oder vielmehr auf die Sanierungsarbeiten, die noch andauern. Deshalb wurde die Installation kurze Zeit später wieder angebracht.

Eine riesige Discokugel hing über der Roten Flora

Eine riesige Discokugel hing über der Roten Flora

Im Anschluss an die Opern-Aufführung räumten die Flora-Besetzer mit der Fiktion auf und gaben einen Einblick in ihre Realität. Aus dem Off zeigte eine weibliche Stimme den Weg auf, den die Floristen gehen wollen. „Es ist Zeit, dass wir uns verändern, uns öffnen, um auf neue Problemfelder eingehen zu können. 25 Jahre sind nicht genug“, sagt sie. Denn auch wenn der Konflikt um das Gebäude befriedet wurde, seitdem die Lawaetz-Stiftung es übernommen hat, will die Flora „unverträglich“ bleiben. „Lasst uns praktisch zeigen, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Lasst uns diskutieren, bei Kaffee und kuchen. Und ja: Auch wir finden Kuchen super. Doch unser Blick geht weiter – Richtung der ganzen Bäckerei“, heißt es.

Die Flora sei ein Ort, „an dem Platz für die alltäglichen Kämpfe der Leute ist. Wo Menschen außerhalb von Konkurrenz, Verwertungslogik und Selbstoptimierung zusammenkommen können.“ Trotz der Öffnung wollen die Besetzer Störfaktor bleiben und kritisieren die aktuelle Flüchtlingspolitik. „ In einer Stadt, in der Menschen in Containern, Zelten und Lagern schlafen müssen und es gleichzeitig Leerstand gibt, bleiben wir unverträglich.“

Bengalos hüllen die Flora in rotes Licht

Bengalos hüllen die Flora in rotes Licht

Zum Abschluss zeigten sich die maskierten Phantome aus der Flora und zeigten Transparente, mit denen sie sich mit dem Kollektiven Zentrum solidarisierten. Bengalos hüllten die Szene in ein rotes Licht, Pyrotechnik schoss in die Luft und sorgte für Applaus. Fast alle gingen friedlich nach Hause und konnten dem Abend etwas abgewinnen. „Es war interessant so eine Inszenierung hier zu sehen“, sagt ein Besucher. „Es war wirklich ein ungewöhnliches Ereignis, das hat mir gut gefallen“, schließt sich eine ältere Dame an.

Nur von zwei Männern kommen laute Buhrufe. „Ich fand´s scheiße“, sagt ein lokaler Künstler, der lieber anonym bleiben möchte. „Ich hatte mir mehr erhofft, eine Erweiterung. Es war einfach nur eine Theater-Inszenierung, die so auch im Thalia hätte stattfinden können, mit der Flora als Kulisse“, kritisiert er. „Es ist keine Sekunde gebrochen worden, es war zu keiner Sekunde unberechenbar. Eine linksradikale Interpretation. Zwei Stunden Bengalos in den Himmel schießen, wäre geiler gewesen.“

Aber auch das Publikum kriegt sein Fett weg, denn als es in der Aufführung hieß, ein bisschen Steine schmeißen sei schön für das Hamburger Stadtmarketing, hätten sowohl die anwesenden Latte-macchiato-Trinker als auch die Anarchos geklatscht. „Die haben sich selber verarscht“, sagt der Künstler.

 

Kommentare


  1. Pingback: Neulich in Hamburg | Humulon

  2. Pingback: Das war St. Pauli 2015 – ein Jahresrückblick - St.Pauli-News

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz