Schlaglicht / Montag, 16.02.2015

Clubkinder – auf der Suche nach Sinnhaftigkeit

Jannes Vahl ist einer der Clubkinder-Gründer
 
 

Für viele ist St. Pauli das Ziel, um sich zu betrinken und Alltag zu vergessen. Die Clubkinder hingegen setzen sich vom Kiez aus für sozial Schwache in ganz Hamburg ein.

Mitten im grellroten Mikrokosmos aus Sünden und Lastern auf St. Pauli suchen die Clubkinder nach Sinn. Was sich nach einer Art Partygängern anhört, ist tatsächlich ein großer Kreis Gleichgesinnter, die dem Stumpfsinn der Konsumwelt entfliehen wollen, um sich wirklich wichtigen Dingen im Leben zu widmen. „Wir helfen Leuten, die einfach helfen“, sagt Mitbegründer Jannes Vahl über den Förderverein. Klingt zunächst einfach, doch es steckt viel dahinter. Der „clubkinder e.V.“ sammelt Spenden für soziale Projekte und Einrichtungen in Hamburg – und zwar so, dass es Ausgehfreudigen Spaß macht. Vom Büro in der Friedrichstraße aus organisieren 14 Mitglieder wöchentlich Partys, Konzerte oder andere Aktionen wie Tagebuchlesungen im ganzen Stadtgebiet. Zum Einsatz kommen dabei auch aufstrebende Musiker, die über eine eigene Nachwuchsförderung an Veranstalter vermittelt werden. Im Interview erzählt Jannes die Geschichte der Clubkinder, sagt was sie vereint und warum helfen auch Gefahren birgt.

Wer oder was sind eigentlich die Clubkinder?

Jannes Vahl: Wir haben den Verein 2011 mit sieben Freunden gegründet, die alle aus der Medienbranche kommen und alle frustriert davon waren, wie heutzutage die 40 Stunden gefüllt werden. Die Idee ist daraus entstanden, dass wir nicht nur Schwierigkeiten hatten soziale Themen in Lifestyle-Blättchen, Stadtmagazinen oder Tageszeitungen unterzubekommen, sondern auch weil wir durch diese Zeit als Werber, Redakteur, Texter oder Fotograf unsere Kontakte dazu nutzen wollen, etwas Großes für die Stadt Hamburg zu tun. Aus dem Potenzial, was wir für Leute miteinander verbinden können, wollen wir was Gutes machen. Weil ja tatsächlich in der Werbebranche oder Verlagshäusern oder irgendwelchen Medienunternehmen, außer in Ausnahmen, nicht viel Sinnhaftes getan wird.

Wir haben den Verein gegründet als loses, aber gleich groß gedachtes Kollektiv an Leuten, die das gleiche bewerkstelligen wollen. Und haben uns da im Nachhinein etwas romantisch verklärt ein Vorbild genommen an Viva con Agua, nur dass die auf Kuba angefangen haben und was auf dem afrikanischen Kontinent machen und wir in den Stadtgrenzen helfen wollen.

Wir sind ein gemeinnütziger Förderverein, der, außer in einem Wirtschaftsbereich, selber kein Geld braucht. Wir leben alle von was anderem, machen das ehrenamtlich und können Spendenaktionen oder -veranstaltungen umsetzen, mit denen wir Gelder für gemeinnützige Vereine sammeln können, deren Satzungszwecke sich mit unseren decken. Oder denen wir sonst idealistisch oder mit Handynummern helfen können, wenn sich die Satzungszwecke nicht decken.

Warum habt ihr euren Sitz auf St. Pauli?

Jannes: Ursprünglich hatte es den Grund, dass wir hier nicht nur mit den ganzen Gastronomen und Clubbetreibern sehr eng sind, sondern, dass wir von hier aus auch mit dem Fahrrad gleich schnell in Altona, Bahrenfeld, der Sternschanze, Ottensen, in der Altstadt, der HafenCity und überall sonst sind. Und dass wir uns was Aktivismus angeht eher im Stadtkern sehen, als im nördlichsten Wandsbek oder ganz unten in Wilhelmsburg. Wir nehmen in Personalunion sehr viele Termine die Woche wahr und sind viel draußen, gucken uns viel die Vereine an, die wir unterstützen und die Spendenpartner. Wir gucken uns das immer gern vor Ort an, weil wir uns dann Einblick verschaffen können über die Begebenheiten. Wie die drauf sind, ob das menschlich passt, wie die mit ihren Leuten umgehen.

Wir wachsen viel, wir sind jetzt mittlerweile hier im Büro 14 Leute. Insgesamt ein Kollektiv aus 300. Das sind eine Facebook-Gruppe, ein Email-Verteiler und in verschiedenen Konstellationen Treffen. Für unsere Satzungszwecke gibt es eigene Gruppen. Die treffen sich immer hier im Büro auf St. Pauli. Deswegen wird das auch immer unser Kern bleiben hier, auch wenn wir ein zweites Büro aufmachen.

Welche Projekte fördert ihr?

Jannes: Unsere Heransgehensweise ist, dass wir entweder eine Veranstaltungs- oder Spendenidee haben und dafür einen passenden Zweck suchen. Oder wir haben ein Hilfsgesuch, einen Zweck, von einem anderen gemeinnützigen Verein, für irgendwas handfestes, für etwas konkretes. Und überlegen uns dafür etwas, ein Veranstaltungsformat oder wo das hinpassen würde. Wir erzählen mit unseren Spendenaktionen immer eine runde Geschichte. Das bedeutet, dass da Location, Künstler und Aktion, der Name und unser Spendenzweck zusammenpassen.

Konkretes Beispiel: Unsere Tagebuchlesung, wo junge Erwachsene aus ihren Tagebüchern aus ihrer Teenagerzeit vorlesen. Das ist megalustig und ganz peinlich, aber alles freiwillig. Die sind auf der Hatz nach Pointen, also Peinlichkeiten in ihren Tagebüchern, weil sie natürlich schon einen zeitlichen Abstand dazu haben, dass sie das auch gern vor Publikum machen. Das geht immer um quatschige Sachen und Liebeskrams und so. Dabei haben wir immer einen Spendenzweck, der sich mit Bildung, Nachhilfe, lesen lernen, Deutsch lernen oder Hausaufgabenhilfe auseinandersetzt.

Eine Clubkinder-Veranstaltung mit Janes Zahl (l.) und seinem Kollegen Joko (Foto: Julia Schwendner)

Eine Clubkinder-Veranstaltung mit Jannes Vahl (l.) und seinem Kollegen Joko (Foto: Julia Schwendner)

Wie sucht ihr die Bedürftigen Vereine und Projekte aus?

Jannes: Es ist tatsächlich so, dass wir immer Leute haben, die die ganze Zeit recherchieren, was es in Hamburg für Bedarf gibt und wer gute Arbeit macht. Und das findet man im Internet, auf Facebook, im Abendblatt oder auf irgendwelchen Blogs. Wir kriegen auch viele Anrufe oder Mails, lernen Leute kennen. Oder die erzählen sich das untereinander, das wird schon durch die Stadt getragen. Wir verifizieren die Spendenzwecke immer vorher, insofern, dass wir sie besuchen und uns mit ihnen auseinandersetzen. Und dann übergeben wir den Leuten nicht einen Haspa-Spenden-Scheck mit einer geraden Summe, mit einem Blumenstrauß und einem Lächeln für die Wochenzeitschrift. Sondern wir haben immer einen konkreten Spendenzweck.

Das heißt, wir haben immer eine Handwerkerrechnung, eine Anschaffung, eine Reise, eine Produktion von irgendwas, eine Lücke im Budget von Personal oder Arbeitsmaterial. Wir machen das nicht wahllos, sondern gucken, was die Leute konkret brauchen, um konkret Probleme zu lösen in Hamburg. Und solange das seriös und gutherzig ist, ist das schwierig, da eine Grenze aufzumachen. Weil Missstände ja nicht davon abhängen, wie wir sie finden, sondern sie sind ja einfach da. Und sie sind für Obdachlose genauso da, wie für Frauenzentren, für Kinder von Flüchtlingen, Leute die von Armut betroffen sind, einsame Senioren, die nicht aus ihrer Wohnung rauskommen und gerne Gesellschaft hätten. Wir bündeln das aufgrund unserer Satzung immer in Kinder-, Senioren-, Bildungs-, Tierschutz- und Kulturförderung, aber das ist ja nicht die Realität. Es ist so, dass wir in den Anfragen schon ziemlich überschwemmt werden und gucken, in welcher Reihenfolge oder wie wir denen überhaupt allen helfen können.

Müsst ihr auch Anfragen ablehnen?

Jannes: Es gibt da zwei Dinge. Wir tappen teilweise in Gemeinnützigkeitsfallen. Das bedeutet, dass wir einer Schule bei einer Sanierung helfen und sie dadurch aus den Sanierungstöpfen im nächsten Jahr rausfällt – was wir natürlich nicht wollen. Oder dass es verschiedene Tierheime in Hamburg gibt, die unterschiedlich subventioniert sind. Was man auch erstmal wissen muss. Man denkt, man tut was Gutes und dann ist es so, dass sie dafür bestraft werden, dass wir denen geholfen haben. Und das kann auch in einem finanziell bitteren Rahmen sein. Wenn wir denen was sanieren, mit ein bisschen Manpower, ein Wochenende anpacken, etwas Geld für den Baumarkt und dann haben sie einen fünfstelligen Schaden.

Das andere ist, dass wir es tatsächlich häufig haben, dass wir sagen: Das ist ein richtig cooles Projekt, was die Leute da machen. Und die aber gar keine Hilfe brauchen oder wollen. Und etwas richtig unseriöses oder schlimmes ist uns eigentlich noch nicht untergekommen. Nicht nur weil wir es verifizieren, sondern vieles suchen wir ja auch aktiv aus oder kriegen es auf Empfehlung von anderen gemeinnützigen Vereinen.

Wer braucht eure Hilfe denn nicht?

Jannes: Es ist schon so, dass eine mediale und prominente Aufmerksamkeit auf ein Dutzend Einrichtungen in Hamburg gebündelt wird. Weil sie viele prominente Fürsprecher haben oder ehemalige Sportler sie unterstützen und sie dadurch in jeder Gazette sind mit Charity-Galas. Das sind oft auch Initiativen, die viel Geld brauchen, aufgrunddessen, was sie machen. Oder dass sie kompliziertes technisches Gerät brauchen, wie Dialysestationen für krebskranke Kinder. Das liegt auch an unserer Politik, dass wir Underdogs unterstützen, die nicht so riesengroß aufgestellt und überall präsent sind.

Wie aktiv seid ihr im Viertel?

Jannes: Durch den räumlichen Bezug haben wir viel mit dem Spielbudenplatz zu tun, hier nebenan, dem Park Fiction oder anderen Örtlichkeiten. Wo wir auch sehr unkompliziert helfen können. Es ergibt sich dadurch, dass wir wir hier häufig Mittagspause machen, dass wir hier ständig sind und dass wir hier auch alle Leute kennen im Viertel. So dass es schon einen Fokus hat auf St. Pauli, was wir machen. Das hat mit der GWA zu tun, die ja unheimlich viele Projekte hier machen. Die mit Kindern oder Kultur zu tun haben. Für die GWA haben wir auch das erste Clubkinder-Festival gemacht und ihnen auch jetzt wieder 500 Euro gespendet für ihre aktuelle Kampagne.

Auf dem Spielbudenplatz waren mal die Rock Kids St. Pauli, eine Initiative von Peter Achner, der sozial benachteiligten Kids niedrigschwellig nachmittags Musikangebote verschafft. Ganz toll von der GWA ist auch Mitternachtssport und diese ganzen Aktivitäten im Stadtteil, die man sich auch angucken kann. Das ist immer schön, wenn man sich die Ergebnisse von dem Spendengeld angucken kann. Das daraus ein Kulturfestival wird oder man Zeiten in Turnhallen auf St. Pauli für Mitternachtssport benachteiligter Kids finanzieren kann.

Auf der anderen Seite sind wir auch als Berater tätig und vermitteln Spendenzwecke. Wir machen auch was mit dem Lions Club, der auch auf dem Spielbudenplatz ist, mit der Großen Freiheit, die machen auch eine Gästelistenspende für St. Pauli Kids, mit der Silbersack-Aktion, mit dem Trinkgeld. Wenn etwas ausgesucht wird, sind wir oft die, die durch unser Verifizieren und unseren Horizont, oft konkret einschätzen können, wer einen Notstand hat. Und dann haben wir weniger zu tun, weil wir nur noch Geld umlenken müssen. Wir werden regelmäßig von Clubs gefragt, was für ihre Gästelistenspenden ein guter Zweck wäre. Und das bleibt viel im Stadtteil, weil die das auch wollen. Oder mindestens 50-50. Sie sagen, wir sitzen hier auf St. Pauli und das nicht ohne Grund und wollen dann einfach was im Stadtteil machen. Weil man jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit sieht, was hier los ist und was es hier für Missstände gibt.

Warum gibt es soviel Bedarf an sozialen Projekten? Tut der Staat nicht genug?

Jannes: Es ist natürlich so, dass wir hart feststellen, dass überall immer mehr geknapst wird. Ich kann das nicht an irgendwas festmachen. Ich finde es auf der einen Seite gut, dass wir immer mehr Spendenzwecke haben, denen wir helfen können. Weil das auch bedeutet, dass immer mehr Menschen, die irgendwie zu uns kommen, sich engagieren und richtig geile Projekte stemmen teilweise, gegen alle möglichen Missstände. Auf der anderen Seite ist es natürlich bescheuert, weil da irgendwo eine Lücke sein muss. Und das an einem Haushaltsbudget, an einer Behördenkürzung, an einer Etatkürzung festzumachen, bedeutet ja auch, dass es mehr Bedarf gibt als früher. Das heißt, man müsste es eigentlich erhöhen, anstatt es zu minimieren. Aber die Gelder bleiben einfach woanders. Und ich finde es immer schwierig Geld in Industrie, Produkte oder Waffen zu stecken, wenn vor der Haustür den Leuten immer schummriger wird.

Es gibt aber auch noch viele Leute, die noch was vernünftiges mit ihrer Zeit oder ihrem Geld anfangen wollen, oder mit ihrer Muskelkraft, und uns in allen möglichen Bereichen unterstützen. Das ist ein schönes Zeichen, dass wir Leute anziehen, die noch emotionale Intelligenz besitzen und sich nicht nur mit der Bild-Zeitung, Kabel eins und dem Dschungelcamp auseinandersetzen. Und Anzeigen für Lifestyle-Entertainment, die sie anschreien mit roter und gelber Schrift und Ausrufezeichen. Wo bei dem Film, den man guckt, die Werbung lauter gedreht wird, als der Film, damit die Saturn-Werbung richtig knallt. Das ist alles der Gegenentwurf, zu dem, was wir machen wollen. Und auf der einen Seite ist es schade, dass es gebraucht wird, und auf der anderen Seite ist es schön, dass wir Leute mobilisieren können, irgendwo anzupacken, wo es nötig ist.

Hannes bei einer Tagebuchlesung (Foto: Julia Schwendner)

Jannes bei einer Tagebuchlesung (Foto: Julia Schwendner)

Wie sind die Reaktionen auf eure Hilfen?

Jannes: Unromantisch durch eine sehr schnelle Zusendung von einer Spendenquittung, die wir brauchen. Und romantisch ist es natürlich die schönste Freude. Das ist ein Grund, warum wir uns schon vorher explizit mit den Leuten auseinandersetzen, damit wir einschätzen können, wo sie Schwierigkeiten haben. Und wie sie arbeiten, was sie für die Stadt leisten. Das ist für mich das Schöne am Förderverein, dass man ihnen damit unter die Arme greifen kann. Und wir was machen mit acht bis zehn Helfern, uns einen Tag um die Ohren hauen, die Spendendosen füllen und denen das dann überreichen können. Wir haben dann vorher schon ausgemacht, wofür sie es brauchen. Und alle wissen den ganzen Tag lang, wofür es ist.

Das ist von vielen Initiativen ja die Schwierigkeit, dass das irgendwo hinkommt, von irgendjemandem empfangen wird. Und wenn es nicht von einem Warlord abgefangen wird, weiß man nicht so richtig, wo, wie, was genau da verwendet wird und was da die Bedürfnisse vor Ort sind. Und wir können da einfach jeden Tag dran vorbeiradeln. Also, wenn wir Klettergerüste oder sowas bewerkstelligen, daran ist das schönste, dass sich Hamburg langsam füllt mit Initiativen und Orten, an denen wir schon was gemacht haben. Das ist ja manchmal einfach nur Personal, was ja verpufft, das kann man sich ja nicht angucken, oder Porto, Benzin oder eine Reise für eine Kindergruppe. Aber auf der anderen Seite ist das auch viel handfestes. Das heißt, dieser Stadtplan, der füllt sich mit schönen Erinnerungen, weil die Leute da einfach dankbar sind. Das macht einfach Spaß mit den Leuten. Uns ist das als Hippies und Buddhisten näher als alles andere, Leuten zu helfen, die einfach helfen.

Was macht am meisten Spaß bei den Clubkindern?

Jannes: Es ist natürlich auch sauanstregend. Was für Joko (der 2. Vereinsvorsitzende) und mich mittlerweile am schönsten ist, ist eine Masse. Also eine Schlange vor einer Spendenveranstaltung oder ein volles Haus. Am Anfang haben wir oft Aktionen gehabt, bei denen acht Leute im Clubkinder-T-Shirt morgens um 8 Uhr im Regen aufbauen, um 20 Uhr einpacken und dann sind da 71 Euro Kupfergeld in der Spendendose. Dass wir sowas minimieren, durch Prominente oder eine megalustige Idee von uns. Oder durch attraktive Helfer oder schönes Wetter. Dass wir immer mehr Helfer haben, immer mehr Geld sammeln, immer mehr Aktionen machen – und die auch organisiert bekommen. Ich hab die größten Glücksgefühle, wenn irgendwas ausverkauft ist. Oder wenn Helfer und Gäste die ganze Zeit gelacht haben. Wenn wir eine unterhaltsame Idee hatten, die Leute mobilisiert, die Spendendose vollzuknallen.

Wer ist euer Publikum bei den Veranstaltungen?

Jannes: Es ist tatsächlich so, dass wir an einem Wochenende ein Metal-Festival machen, am Wochenende drauf ein Streetball-Turnier mit krassesten Urban Gangstern und das Wochenende darauf einen Elektro-Rave im Ballsaal oder im Uebel & Gefährlich. Wir versammeln hauptsächlich Leute um uns, die in ihrem Job sinnhaftig nicht ausgefüllt sind. Denen es nicht reicht, 40 Stunden auf den Bildschirm zu gucken, dann in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause auf Facebook zu scrollen, dann zu Hause sich bei Netflix was anzugucken und dann im bett noch ein bisschen zu scrollen, was es neues gibt.

Wir haben erfreulich viele Leute, die sich damit auseinandersetzen, was wir machen, für wen wir sammeln, und was die machen. Man wird sie irgendwie zusammenfassen können, aber es ist schwierig, weil es alle Musikrichtungen, alle Sportarten, alle Stadteile sind. Man hat doch das Gefühl, das sie was eint. Es ist nicht nur das Herz am rechten Fleck, sondern die Suche nach Sinnhaftigkeit. Wie es auch Viva con Agua macht: Leuten ein soziales Zuhause zu geben. Im Sinne von: Wenn ich mich da engagiere, ist das schon irgendwie gut. Wir sagen spaßeshalber immer, dass das alles so Medienleute sind, weil wir da selber herkommen. Weil sie da ausgeblutet sind und abends tatsächlich noch was sinnvolles machen wollen. Wenn man schön illustrieren kann, kann man das ja auch für einen guten Zweck machen.

Wie viele Aktionen gab es bisher?

Jannes: Es ist ein bisschen schwer zu beantworten, es ist auf jeden Fall hoch dreistellig. Wir haben einen Strang, den wir selber veranstalten, wo wir das komplette finanzielle Risiko haben. Einen Strang, wo wir mitveranstalten, also die Location – Große Freiheit, Gruenspan, Fabrik, Schanzenhöfe – ist der Veranstalter, aber wir machen 50 Prozent davon, stellen unsere Sachen und partizipieren im Geldfluss. Im Ticketing, in Gästelisten-Spenden, in Verkäufen am Tresen oder von Produkten. Ganz handfest ein Euro pro Bier, fünf Euro pro Produkt oder pro Ticket oder jeder der auf der Gästeliste steht muss fünf Euro spenden – also wird dazu ermutigt fünf Euro zu spenden. Freiwillig, im Sinne der Gemeinnützigkeit. Was ja auch messbar ist, man weiß ja, dass da 80 Leute auf der Gästeliste stehen bei einem großen Konzert.

Und das dritte ist, dass wir uns an Veranstaltungen ranhängen. Wir veranstalten das Elbriot, das Dockville, das Reeperbahnfestival oder die Altonale natürlich nicht selber. Aber wir haben da eine Bühne, einen Teilbereich oder einen großen Spendenstand gratis vor Ort. Wir werden sozusagen behandelt wie ein Warsteiner -Stand oder ein Pizza-Mario-Stand, aber haben einfach die Möglichkeit uns auszubreiten und eine vierstellige Summe an Spenden an dem Wochenende zu sammeln. Wir machen so 80 bis 100 Konzerte im Jahr und ich würde sagen noch mal so viele Veranstaltungen, in unterschiedlichster Form. Wir sind jedes Wochenende irgendwo.

Wer unterstützt euch? Wie kann man euch unterstützen?

Jannes: Das ist sehr vielfältig. Da sind die 300, die Auf- und Abbau machen, Flyer verteilen und Werbung für uns machen. Das sind ganz kleine pragmatische Sachen, wie Sachen bei Facebook zu liken, damit wir eine organische Reichweite bekommen. Da greifen wir nicht oft drauf zurück, aber manchmal, wenn wir einen Verein von uns supporten, der sich selber nicht gut auf Facebook abbilden kann, weil die keine Zeit haben für super Logo und super Website. Und noch Pinterest, Instagram und Twitter. Sondern, die einfach auf der Straße arbeiten und nach unserer Erfahrung meistens unterbesetzt und unterbezahlt sind. Es ist ja nicht deren Aufgabe noch medial die fantastischsten Marketingaktivitäten zu machen.

Dann haben wir viele Locations, in denen wir umsonst veranstalten dürfen. Weil die Miete unsere Spendensumme sprengen oder minimieren würde. Wir versuchen ein Maximum an Spenden zu generieren. Ansonsten haben wir Partner, die uns mit Getränken helfen. Weil wir, wenn wir die nicht von der Location kaufen müssen, komplett für einen guten Zweck verkaufen können und da natürlich viel Geld bei rumkommt. Und dann haben wir einfach viele Musiker oder Prominente oder Restaurantbesitzer, die ein Wochenende lang von jedem Essen was spenden und uns finanziell unter die Arme greifen.

Das eine ist immer Manpower und das andere sind immer zweckgebundene oder freie Geldspenden. Was für uns eigentlich immer am interessantesten ist, sind Ideen. Wir versuchen auch ganz viel Kram: Mit einem Bauchladen, wo man sich bedienen kann. Mit einem Glücksrad. Mit einer Buttonmaschine. Mit allem möglichen, was man irgendwie beziffern kann. Und jedes Wochenende mit einer anderen Idee, die man zu Geld machen kann. Die Ideen sollen uns da nicht ausgehen und sie kommen viel von Leuten. Wir sind natürlich drauf angewiesen, dass das nicht von uns 14 kommt oder von uns 300, sondern möglichst von 1,8 Millionen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Clubkinder?

Jannes: Wir wollen es mit unserem Konstrukt schaffen, mittelfristig möglichst viele Leute dafür zu bezahlen, dass sie 40 Stunden in der Woche Gemeinnützigkeit machen. Dass das noch wächst, damit sich keiner übernimmt und keiner einen Burnout bekommt. Dass wir sozusagen gute und soziale Arbeitgeber sind.

Die nächsten Termine der Clubkinder

 

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