Schlaglicht / Donnerstag, 03.09.2015

Barkultur auf St. Pauli: Go chug yourself!

 
 

Die deutsche Barszene schaut in diesen Tagen neugierig nach St. Pauli, wo am Donnerstag Bettina Kupsa mit „The Chug Club“ ihre neue Bar eröffnet.

Die letzten Wochen waren hart für Bettina Kupsa und ihr Team. Die Nächte dementsprechend kurz: „Mehr als zwei Stunden die Nacht sind da nicht drin.“ Unter den Augen neugieriger Nachbarn haben sie über Wochen die Räumlichkeiten der ehemaligen „Weissen Maus“ entkernt, Containerweise Schutt beseitigt und der kleinen Eck-Bar an der Taubenstraße auf St. Pauli so Stück für Stück ein neues Gesicht gegeben. Eine Arbeit, bei der Betty, wie sie von vielen einfach nur genannt wird, an ihre Grenzen gestoßen ist. „Blut, Schweiß und Tränen inklusive“, sagt Kollege und Headbartender Johann Wader.

Doch jetzt, wo die weinrote und goldene Farbe an den Wänden getrocknet ist, die unzähligen Kartons ausgeräumt sind und die frisch polierten Gläser in den mächtigen dunklen Eichenregalen stehen, hat Bettina Kupsa ihr markantes strahlendes Lachen wieder gefunden und blickt freudig in den schummrig und mit Teelichtern beleuchteten Raum. „Ich fühle mich wie eine stolze Mama.“

Chug Club Bar

Das Logo hat  Kupsa selbst entwickelt: Ein umgefallenes „T“ mit zwei „C“ für „The Chug Club“

Die deutsche Barszene blickt in diesen Tagen neugierig nach St. Pauli, wo Bettina Kupsa an diesem Donnerstag die Türen ihres „The Chug Club“ in unmittelbarer Nähe der Reeperbahn erstmals für das breite Publikum öffnen wird. Die 38-Jährige gehört derzeit zu den wohl prominentesten weiblichen Vertretern ihrer Zunft – und das, obwohl die gebürtige Österreichern aus Kaindorf an der Sulm auf eine vergleichsweise kurze Bar-Karriere zurückschaut.

Nachdem die ehemalige Eventmanagerin und Kommunikationstrainerin nach ihrem Umzug nach Hamburg Ende der 90er zunächst nebenberuflich im „Roschinsky’s“ am Hamburger Bar gejobbt hatte, wagte sie 2010 den kompletten Sprung die Gastronomie. Nach ersten Stationen im „Blauen Barhaus“ in Ottensen und der „3 Freunde Bar“ auf St. Pauli, holte sie Jörg Meyer 2012 ins international renommierte „Le Lion“, das mit Fug und Recht zu den 50 besten Bars der Welt gehört. Als charmante Gastgeberin machte sich die talentierte Barfrau mit dem markanten Pagenkopf dort schnell einen Namen – weit über Hamburg hinaus.

„Für eine eigene Bar war jetzt genau der richtige Zeitpunkt“, sagt Bettina Kupsa. Mit ihrem The Chug Club reiht sie sich ab dieser Woche jedoch nicht nur in eine Reihe von Bars der gehobenen Trinkkultur ein, die in den vergangenen Jahren in Hamburg entstanden sind, sondern setzt dabei einen ganz eigenen Akzent. Der Name ihrer Bar jedenfalls ist Programm: „To chug“ aus dem Englischen, bedeutet übersetzt so viel wie „kippen“ oder „auf einen Schluck trinken“. Doch The Chug Club möchte alles andere sein als eine billige Shot-Tankstelle, von denen es auf St. Pauli sowieso schon mehr als genug gibt.

Chug Club Bar

Headbartender Johann Wader kennt Bettina Kupsa noch aus dem „Roschinsky’s“

Stattdessen konzentriert man sich hier auf hochwertige Cocktails in kleinen Größen. „Mit der Idee vom ‚Chug‘ als Drink-Kategorie habe ich eine Zwischenstufe zwischen Shot und Shortdrink entwickelt“, erklärt Bettina Kupsa das Konzept. Das habe für die Gäste den Vorteil, dass sie bei ihrem Besuch wesentlich mehr Drinks probieren könnten, ohne dabei zu tief ins Glas schauen zu müssen. „ Die Gäste sind unheimlich neugierig und wollen experimentieren. Doch mehr als zwei bis drei Drinks sind in der Regel nicht drin, was schade ist, weil man vielleicht längst noch nicht alles probiert hat.“

Und zu probieren gibt es im The Chug Club tatsächlich so einiges. Neben allseits beliebten Spirituosen wie Gin oder Rum, liegt der Schwerpunkt vor allem auf Tequila, wie man bereits an der Form der Agavenpflanze, die in der Bar allgegenwärtig ist, erahnen kann. Ungewöhnlich, denn im Gegensatz zu den USA oder Lateinamerika, fristet der mexikanische Agavenbrand in Deutschland immer noch ein Schattendasein. Zu Unrecht, wie Bettina Kupsa findet. Ihre Liebe zum Tequila entdeckte die Bartenderin jedoch wie so viele auch erst auf den zweiten Blick. „Tequila kennen viele nur als reines Diskorundengetränk mit Salz und Zitrone.“ Eine Kombination, die in den seltensten Fällen gut ausgehe.

„Heute weiß ich: Tequila ist eine unglaublich spannende und vielseitige Spirituose – emotional und sexy.“ Im Gegensatz zu anderen Spirituosen, stecke in jeder Flasche Tequila noch echte Handarbeit. „Die Blaue Weber-Agave wird per Hand gepflanzt, über mindestens fünf Jahre gepflegt und schließlich von den stolzen mexikanischen Jimadores geerntet.“ Ein Berufsstand, der in der mexikanischen Gesellschaft bis heute höchstes Ansehen genieße.

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Die Agavenpflanze ist in der Bar allgegenwärtig

Tatsächlich, so behauptet Bettina Kupsa überzeugt, könne sie jeden Gast dazu bringen, Tequila wenigstens einmal zu probieren. „Die Menschen haben in den vergangenen Jahren ein ganz anderes Trinkverhalten entwickelt“, sagt Kupsa. „Sie werden immer aufgeschlossener, Vertrauen ihrem Barpersonal und sind neugierig, neue Kreationen auszuprobieren.“ Eine Neugier, die man auch im The Chug Club mit Freude zu befriedigen weiß.

So findet sich in der goldenen Barkarte neben einem äußerst schmackhaften Buttermilch Margarita auch eine außergewöhnliche Interpretation des bekannten Cocktail-Klassikers mit dem schlichten Namen Rita, die aus einer Kombination eines mit Orangen und Hibiskus aromatisierten Tequilas mit Limette und Agavensirup besteht, die zu guter Letzt mit einem hausgemachten Limettensalzschaum und bunten Zuckerstreuseln garniert wird. „Solange es schmeckt, gibt es keine Grenze“, sagt Paola Labansat.

Ob Kümmel-Birnenschaum, Erdbeer-Vanille-Cordial oder Aprikosenshrub – viele der Zutaten, die im The Chug Club in den Shaker kommen, werden von der 26-jährigen Bartenderin und ihren Kolleginnen in der bareigenen Küche selbst zubereitet. Dabei besinnt man sich wie im Falle eines Shrubs auch vermehrt auf alte Rezepturen. Der Ursprung eines solchen Fruchtsirups auf Essigbasis reicht jedenfalls schon mehrere Hundert Jahre zurück.

Chug Club Bar

Hochwertige Cocktails in kleinen Größen – ein Konzept, das schnell Nachahmer finden dürfte

Die frischen Früchte werden dabei in Apfelessig eingelegt, mit dessen Hilfe die Aromen aus den Früchten extrahiert werden“, erklärt Paola Labansat, die nicht umsonst in diesem Jahr als Newcomerin des Jahres bei den Mixology Bar Awards nominiert ist. Der infusionierte Apfelessig wird dann mit Zucker aufgekocht und umgehend abgefüllt. „So erhält man einen Sirup, der die feinen Fruchtaromen mit der Essigsäure verbindet.“ Im Falle eines Matador, der Tequila mit einem solch hausgemachten Aprikosenshrub und Soda vereint, eine ausgereifte Kombination.

Doch ist St. Pauli tatsächlich bereit für ausgefallene Cocktail-Kreationen mit Kümmel-Birnenschaum oder Erdbeer-Vanille-Cordial? „Einen besseren Ort könnte es gar nicht geben“, ist Bettina Kupsa überzeugt. Die 38-Jährige freut sich, dass sie endlich wieder an ihre alte Wirkungsstätte zurückkehrt, wo sie viele Jahre gelebt und gearbeitet hat. „Ich finde gerade diese Ecke von St. Pauli besonders spannend. Hier trifft der alte Kiez auf den neuen Kiez, die Davidstraße mit dem Rotlicht auf die Büros und Neubauten im Brauereiquartier.“

Diese Veränderungen seien für sie nichts Negatives, zeigten sie doch, dass St. Pauli ein vielseitiges und lebendiges Viertel bleibe. „Ich freue mich ein Teil dieser Veränderung zu sein.“ Angst vor Ablehnung aus dem Viertel habe sie jedenfalls nicht. „Wer uns kennt, weiß: Wir sind weder Yuppisierung noch Gentrification, weder Kette noch Investor“, sagt Bettina Kupsa selbstbewusst. „Schau uns an: Wir sind Menschen mit Ecken und Kanten, die auf St. Pauli ihr Ding machen und sich als Teil dieser Familie hier fühlen.“ Wer das noch nicht glauben kann, sei ab sofort eingeladen, sich selbst zu überzeugen. Frei nach dem Motto: „Go chug yourself!“

THE CHUG CLUB Bar, Taubenstraße 13, 20359 Hamburg. Ab 3. September täglich ab 18 Uhr.

Das Aufmacher-Foto zeigt das Team der The Chug Club Bar: Viktoria Fahle, Bettina Kupsa, Johann Wader, Paola Labansat und Lea Knecht. (Fotos: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. Schöner Artikel. Wir wünschen Bettina und Team einen tollen Start und gutes gelingen und freuen uns auf die ersten Chug’s in St. Pauli!

  2. Ja war schon zweimal da.toll..
    Allein schon die Lage vermittelt Nachbarschaftskontakt..etwas abseits und doch mittendrin.Die Preise stimmen..klar doch keine „Kneipenpreise“ ist ja eine Bar !
    Viel Erfolg..bis später dann..

  3. War gestern das erste Mal dort, und nachdem ich von Betty bereits toll im Le Lion beraten wurde, war der Besuch ihrer eigenen Bar ein echtes Highlight. Besonders empfehlen kann ich das Menü! 🙂
    Tolles Konzept – tolle Bar – super Drinks!

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