Schlaglicht / Mittwoch, 06.04.2016

250 Interessierte kamen zur Bunker-Diskussion

 
 

Bei der Podiumsdiskussion der Bunker-Kritiker ging es am Montag nicht um die Begrünung, sondern um die geplante Aufstockung des Feldbunkers. Starker Auftritt der Denkmalschützer.

Elinor Schües kam gleich zu Beginn zur Sache. Der Denkmalrat der Stadt Hamburg, dessen Vorsitzende sie ist, „lehnt die Begrünung und Aufstockung des Bunkers definitiv ab“, sagte die Architektin. Denn gerade dieser Bunker „zeigt uns, was in uns ist und was wir gern verleugnen, nämlich dass auch wir so grausam sein können wie der IS.“ Das sei der „Kern dieses Denkmals“, der nicht verfälscht werden dürfe. „Der Bunker ist eine Waffe, er stellt demonstrativ Wehrhaftigkeit dar, war ein Propagandabau. Seine massige stereometrische Form ist eine Aussage.“ Es gebe kaum einen Bau in Hamburg, „der mehr redet“.

Auf dem Podium von links: Mario Bloehm, Elinor Schües, Moderatorin Sabine Reinhold, Harald Lemke, Robin Houcken

Auf dem Podium von links: Mario Bloehm, Elinor Schües, Moderatorin Sabine Reinhold, Harald Lemke, Robin Houcken

Ein starker Einstieg am Montagabend im rappelvollen Tschaikowsky-Saal. Rund 250 Interessierte waren zur Podiumsdiskussion über das Ausbau- und Begrünungsprojekt gekommen, das der Investor Thomas Matzen auf dem Feldstraßenbunker plant. Eingeladen hatte die Initiative Feldbunker von unten. Für das Podium kamen zunächst nur Absagen, wie Mitinitiator Mario Bloehm sagte. Aus dem Haus der Kultursenatorin Barbara Kisseler hieß es, die Federführung liege beim Bezirk Mitte. Vom Bezirk hörte die Initiative, dass die Einladungsmail an Baudezernent Bodo Hafke bzw als Vertreter Michael Mathe (Fachamt Management des öffentlichen Raums) offenbar im Spam-Ordner gelandet war. Auch Bezirksamtsleiter Falko Droßmann kam nicht. „Bezirk und Kulturbehörde haben offenbar keinen Gesprächsbedarf“, meinte die Moderatorin des Abends, Sabine Reinhold.

Visualisierungen der Bunker-Planer: „Photoshop statt Realität“

Visualisierung der bepflanzten Terrasen auf dem Bunkerdach (Grafik: Planungsbüro Bunker)

Visualisierung der bepflanzten Terrasen auf dem Bunkerdach (Grafik: Planungsbüro Bunker)

Dennoch sorgte das Podium für genügend Diskussionsstoff. Neben Elinor Schües und Mario Bloehm (Anwohner, Architekt) standen dort Harald Lemke (Philosoph, Urban-Gardening-Aktivist und Mitgründer Keimzelle) und Dr. Robin Houcken vom Planungsbüro Bunker, der als einziger Vertreter der Investorenseite keinen leichten Stand hatte. In den Themenblöcken Denkmalschutz, Baurecht und Planungskultur arbeitete man sich durch die unterschiedlichen Kritikpunkte.

Für Elinor Schües sind die bisher veröffentlichten Visualisierungen des Planungsbüros irreführend. „Wir haben in Hamburg mit Lügen Erfahrung“, sagte sie und nannte als Beispiele sind die Holzhafenbebauung, das KPMG-Haus, Hafentor 7. Von Projektbüros würde gern „Photoshop statt Realität“ verbreitet. Die Zeichnung von der Begrünung der fünfstöckigen Bunker-Aufbauten, die auch im Saal gezeigt wurde (siehe Abb. links), sei „eine dreiste Lüge“, z.B. seien Glasfenster von außen schwarz und eben nicht transparent.

„Begrünung ist gleich Befriedung“

Mario Bloehm pflichtete ihr bei: „Die Art der Visualisierung ist eher ein Wunschdenken.“ Die Bedeutung des Bunkers sei, „dass wir uns bewusst machen: Was ist Krieg? Das ist ein sehr aktuelles Thema.“ Auch er sieht den Denkmalcharakter des Bunkers gefährdet: „Begrünung ist gleich Befriedung.“

Robin Houcken wies den Lügen-Vorwurf zurück. Das Planungsbüro Bunker habe auf seiner Webseite alle Planungsschritte dargelegt, die Zeichnungen entsprächen jeweils dem Planungsstand. Nach seiner Sicht ist die Denkmalfrage erst durch das Projekt belebt worden. Thomas Matzen sei seit 25 Jahren Bunkerpächter, und in dieser Zeit „hat sich um Denkmalfragen keiner gekümmert“. Der Bunker sei „ein Täter-Mahnmal. Man kann es wieder erobern und zugänglich machen.“ Der Altbestand des Bunkers bleibe ja bestehen. Die geplante Rampe führe direkt auf die oben eingeplante Gedenkstätte zu. Eine Gedenktafel, die die AG Mahnmal schon jetzt gerne vor dem Bunker aufstellen würde, soll erst „Gegenstand des städtebaulichen Vertrags werden“, den der Bezirk mit Matzen schließt, so Houcken.

Aber auch eine Gedenkstätte ändere nichts an der Verfälschung des Bunkers, so Elinor Schües. „Dieser Bunker ist ein Glücksfall“, entgegnete sie. „Denn er ist seit 1945 ein Mahnmal; das würde durch die Begrünung unkenntlich gemacht.“ Deshalb sei auch das Denkmalschutzamt gegen das Projekt, „es hat aber in dieser Frage einen Maulkorb.“

Das Baurecht ist eine Zwickmühle

Bunker von unten 4.4.

Der Tschaikowsky-Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt

Auf welcher Grundlage ist das Projekt eigentlich genehmigungsfähig oder nicht? Für das Heiligengeistfeld gibt es keinen geltenden Bebauungsplan, erläuterte Mario Bloehm im zweiten Teil der Diskussion. Es sei als Verkehrsfläche eingestuft. „Es gibt aber eine Hintertür:  § 34 des Baugesetzbuchs.“ Bauten können genehmigt werden, wenn sie sich „in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen“. Mit einer Visualisierung zeigte Bloehm, dass der Bunker mit der Aufstockung mehr als drei Mal so hoch wie die benachbarten Häuser an Feldstraße werden wird. „Eine Genehmigung nach § 34 würden den Paragrafen deutlich überdehnen“, sagte Bloehm.

Die Höhenunterschiede von Bunker heute (links), Wohnhäusern an der Feldstraße und dem Bunker mit Aufbauten (Grafik: Bunker von unten)

Die Höhenunterschiede von Bunker heute (links), Wohnhäusern an der Feldstraße und dem Bunker mit Aufbauten (Grafik: Bunker von unten)

Gleichwohl wird dies zurzeit im Bezirk geprüft, das Ergebnis ist nach Angaben der Bezirkssprecherin noch offen. Als Vergleichshöhen würden nicht die Häuser an der Feldstraße herangezogen, sondern laut Fachamt „Großbauten“ wie das Telekom-Gebäude, die Rindermarkthalle und das Millerntorstadion. Von der Idee, für das Heiligengeistfeld einen B-Plan (Bebauungsplan) aufzustellen, waren Bezirkspolitiker wieder abgekommen („dauert zu lange“).

„Uns wurde schon vor Einreichung des Bauantrags gesagt, dass eine Genehmigung nach § 34 möglich sei“, sagte Robin Houcken, „darauf muss man sich verlassen können. Das Projekt wurde als genehmigungsfähig eingeschätzt.“ Elinor Schües hielt ihm entgegen: „Eine denkmalrechtliche Genehmigung ist aber auch erforderlich.“ Schües erinnerte daran, dass Gebäude, die der Stadt gehören, nach den Hamburger Gesetzen „besonders geschützt“ sind. Das Denkmalgesetz verpflichte dazu, Denkmäler „authentisch“ zu erhalten.

„Hier besteht doch kein Zeitdruck wie bei Olympia“

Das Saalmikro wurde vom Publikum eifrig genutzt

Das Saalmikro wurde vom Publikum eifrig genutzt

Aus Sicht der Bunker-Kritiker wäre ein B-Plan aus mehreren Gründen angemessener als eine Genehmigung nach §34. Der Paragraf verhindere zum Beispiel eine Bürgerbeteiligung, „es muss nur ein Bauantrag eingereicht werden“, sagte Mario Bloehm. Und die Entscheidung würde dann von der Verwaltung getroffen, „manchmal ohne überzeugende Begründung“, sagte Ingolf Goritz vom Quartiersbeirat Karoviertel (Mitglied der Grünen im Bauausschuss). Zwar muss auch die Bezirksversammlung dem Projekt letztlich zustimmen. Aber Lemke und Bloehm forderten mehr Zeit für das Verfahren: „Hier besteht doch kein Zeitdruck wie bei Olympia.“

Die Aufbauten mit gewerblichen Räumen dienten der Refinanzierung des „Stadtgartens“, sagte Houcken. „Aber was passiert eigentlich, wenn sich das Konzept nicht rechnet?“, fragte Moderatorin Sanine Reinhold nach. Houcken: „Das ist das Risiko des Eigentümers, das sich die Stadt auch vertraglich abgesichert hat.“ Thomas Matzen biete entsprechende Sicherheiten. Harald Lemke allerdings ist „der Preis zu hoch“.

„Investor baut sich ein Repräsentationsobjekt“

Ein Hauptkritikpunkt im dritten Teil des Abends zum Thema Planungskultur war, dass es beim Bunkerprojekt keine echte Beteiligung gegeben habe. „Wir reden seit Oktober 2014 immer nur über Grün, aber nie über den eigentlichen Baukörper. Darüber gibt es keinen Beteiligungsprozess“, sagte Theresa Jakob. Ihre Kritik: dass nie eine andere Variante geprüft wurde, etwa ein Garten OHNE Aufstockung. „Hier baut sich der Investor ein Repräsentationsprojekt“, sagte Ingolf Goritz. „Und wer entscheidet eigentlich über die Nutzung der 7500 qm in den Aufbauten?“

Houcken stimmte zu, es gebe keine Beteiligung für die gewerblichen Flächen. Der Baukörper werde ja auch mit privatem Geld errichtet. Über die Verwaltung entscheide der Eigentümer. Die Gruppe Hilldegarden, die für das Bunker-Projekt ein Grünkonzept erarbeitete, habe aber „vehement eingefordert, dass auch im Baukörper öffentliche Flächen zur Verfügung stehen, und dies dem Bauherrn abgetrotzt.“ Die Frage, wie viele Menschen die neuen Bunkerflächen anziehen wird (und welche Verkehrsfolgen das hat), blieb aber letztlich offen.

Thomas Matzen habe bisher kein Interesse am Stadtteil gezeigt, sagte ein Mitglied des Quartiersbeirats. „Er war nie beim QB oder im Sanierungsbeirat.“ Beide Gremien hätten schon bei der Planung der Rindermarkthalle gesagt, dass zusätzliche Verkehrsströme im Viertel nicht erwünscht sind. Harald Lemke möchte statt des Dachgartens mehr Urban Gardening im Stadtteil verwirklicht sehen. „Gemeinschaftsgärten sollten für die Stadtbewohner niedrigschwellig erreichbar sein und am Boden bleiben. Ein Garten in 60 Meter Höhe hätte nicht diese Qualität.“ Hamburg habe überhaupt kein Konzept für Urban Gardening.

Nach drei Stunden wurde vor dem Eingang noch in vielen Gruppen weiter diskutiert. Mario Bloehm und Hans Berge als Organisatoren freuten sich über den regen Zuspruch und die vielen Zuhörer: „Dass wir das geschafft haben, ist Planungskultur.“ Es soll noch eine weitere Veranstaltung geben – diesmal mit Kommunalpolitikern.

 

Kommentare


  1. Pingback: „St. Pauli Blog“ 06.04.206 – 250 Interessierte kamen zur Bunker-Diskussion – Feldbunker Initiative

  2. Zitat:
    „Elinor Schües kam gleich zu Beginn zur Sache. Der Denkmalrat der Stadt Hamburg, dessen Vorsitzende sie ist, „lehnt die Begrünung und Aufstockung des Bunkers definitiv ab“, sagte die Architektin. Denn gerade dieser Bunker „zeigt uns, was in uns ist und was wir gern verleugnen, nämlich dass auch wir so grausam sein können wie der IS.“ Das sei der „Kern dieses Denkmals“, der nicht verfälscht werden dürfe. „Der Bunker ist eine Waffe, er stellt demonstrativ Wehrhaftigkeit dar, war ein Propagandabau. Seine massige stereometrische Form ist eine Aussage.“ Es gebe kaum einen Bau in Hamburg, „der mehr redet“.“

    Mit dem geplanten Gartenaufbau könnte man der Bedeutung als Mahnmal symbolisch aber auch ein weiteres Kapitel hinzufügen. Der Bunker würde dann „reden“: „Die Grausamkeit der Nazi-Herrschaft konnte durch die Menschen überwunden und in ein friedliches und demokratisches Europa überführt werden.“

    Ein grüner, lebendiger Aufbau, der sich über den grauen Nazi-Bunker erhebt, wäre ein tolle Bildsprache…

    • Falsch!! Der Bunker redet dann gar nicht mehr, er ist dann versteckt unter der grünen Tarnkappe, was bleibt ist eine etwas triste graue Wand im unteren Gebäudeteil, solche Wände gibt es häufiger, die sagen alle nichts, außer „Langweile“.

  3. Nach aussen, von Seiten des Investors, wird immer dass Element Begrünung ins Feld geführt. Tatsächlich geht es darum, teuer vermietbare Bruttogeschoßfläche zu errichten, die dann gewinnbringend vermietet werden kann.Ich gehe davon aus, dass die Begrünung,sollte der gesamte Plan genehmigt werden, dann weniger üppig ausfällt – zu teuer, nicht wirtschaftlich, nicht genehmigungsfähig etc. – und die öffentliche Zugänglichkeit auch eingeschränkt wird. Das sind dann die Zwänge die sich leider, leider (vorsicht Ironie) nicht umgehen lassen. Sollte dieses Gebilde gebaut werden, wie im Plan erläutet, wird das eine Sensation die Unmengen von Neugierigen anlocken wird. Das bedeutet aber, da die Menge an Besuchern aus Sicherheitsgründen beschränkt sein muss, dass die freie Zugänglichkeit für die Menschen aus dem Quartier ohnehin illusorisch ist und nicht umgesetzt werden kann. Ausserdem ist das ein weiteres Objekt bei dem die Stadt, mal wieder, den Denkmalschutz ins Leere laufen lassen würde. Hat zwar Tradition in Hamburg, trotzdem sollte mensch sich weiterhin darüber aufregen.

  4. Seit 1987 wohne ich im Karoviertel. Die Aufstockung des Bunkers würde dem Viertel viel Sonne wegnehmen und mehr Wind generien. Wer denkt an die Anwohner und das örtliche Klima, an Flora und Fauna? Jede „Baulücke“ im Viertel wird zubetoniert, es gibt immer weniger Insekte und Vögel. Denkmalschutz des Bunkers ist mir piiip-egal, aber die Bezeichnung „Hildegarten“ ist sehr irreführend, da laut Investoren 80 % der Begrünung immergrün sein soll und der Zugang von den neuen Betreibern geregelt wäre. Tante Lieschen wird ihre Radieschen kaum anbauen oder ernten können, das könnte die Hotelgäste stören – also Augenwischerei! Unterm Strich hätte das Viertel – Bewohner und Gewerbetreibende – von diesem Projekt für Profit und Selfies-Touristen garnix: nur weniger Sonne, mehr Wind und noch mehr Verkehr!

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