Rotlicht / Donnerstag, 18.02.2016

Was wird aus dem Queen Calavera?

 
 

„The Home of Burlesque“ ist bedroht. Fans finden: Der kleine Club n der Gerhardstraße gehört unter Artenschutz gestellt. Heute Soli-Türsteherlesung mit Viktor Hacker.

In der Gerhardstraße ist es voll, im „Käpt’n Brass“ schmettern Touristen „So ein Tag, so wunderschön…“. Auch im „Queen Calavera“ drängeln sich Gäste vor der ersten Show des Abends. DJ Stefan rockt hinter seinem Pult wie der leibhaftige Psychobilly, bis Miss Atlantic Titti im schwarzen Pelz auf die kleine Bühne springt. Mit tragischem Schmollmund quiekt sie: „He is gone!“ Oooch, macht das Publikum. Aber lange hält der gespielte Liebeskummer nicht. Den aufregenden Moment, in dem die vorletzte Hülle fällt, inszeniert sie wie den Höhepunkt einer Surfwelle. Erst schält sie sich aus dem Pelz, dann aus einer roten Abendrobe und verlässt die Bühne schließlich in nichts als einem Slip und Pasties.

Auch Hamburgs Burlesque-Künstlerinnen fingen hier an

Das Queen Calavera ist eine kleine Perle auf dem Kiez. Die europaweit erste und einzige Bühne, die nur Burlesque zeigt, ist seit der Eröffnung im Juni 2008 Wiege und Heimat des Neo-Burlesque geworden. Hier machten nicht nur die Hamburger „Harbor Pearls“ ihre ersten Gehversuche, sondern auch St. Paulis Burlesque-Queen Eve Champagne. Künstlerinnen aus der ganzen Welt haben sich hier schon entblättert, wie zum Beispiel Roxy Diamond aus der Schweiz, Tronicat la Miez aus Hannover, Koko La Douce aus Dresden, Nuit Blanche von den Silk Ribbon Sisters aus Italien, Miss Cool Cat aus Prag, Calamity Chang und „Darlinda just Darlinda“ aus New York.

Sven Petersen und Miss Atlantic Titti. Sie entdeckte Burlesque nach ihrer Musicalausbildung und ist inzwischen Stamm-Künstlerin im Queen Calavera

Sven Petersen mit Stamm-Künstlerin Miss Atlantic Titti, die Burlesque nach ihrer Musicalausbildung für sich entdeckte: „Bei meinem ersten Auftritt hier fiel das Pasties runter“

„In Deutschland war Burlesque lange Zeit so gut wie nicht existent“, sagt Sven Petersen, der das Queen Calavera seit 2013 führt und für das Booking verantwortlich ist. „Aber in den vergangenen 15 Jahren ist die Szene auch bei uns deutlich gewachsen. Burlesque-Festivals entwickeln sich fast schon inflationär, auch wenn nicht immer gute Qualität geboten wird.“ Miss Atlantic Titti und Jenny Starshine aus Köln, die Künstlerinnen des Abends, müssen sich da keine Sorgen machen. Beide gehören zu den Stamm-Stars des Queen Calavera und haben (siehe Facebook) schon ihre Fangemeinden.

Petersen, ursprünglich aus Kiel, hatte eigentlich mit Rock’n’Roll mehr am Hut. „Aber die Idee von Burlesque hat mir total zugesagt. Der übliche Strip ist dagegen vordergründig und langweilig.“ Burlesque, das ist Erotik in humorvoller, manchmal parodierender und kabarettreifer Form von Frauen, die ihr Outfit und ihre Auftritte selbst bestimmen. Eine Form von Underground, die zu St. Pauli passt, fand Petersen: „Burlesque entstand in den USA als Unterhaltung für Leute, die sich die teuren Varietés und Theater nicht leisten konnten. Auf dem Kiez soll sich auch jeder Burlesque leisten können.“

"Jenny Starshine" mit ihrem schönen Marilyn-Monroe-Tattoo

„Jenny Starshine“ aus Köln mit ihrem schönen Marilyn-Monroe-Tattoo in der Garderobe

Rote Stilleuchten, eine wohlsortierte Cocktail-Bar, die wilde Mischung aus Rockabilly, Swing und Ska und alle halbe Stunde Bühnen-Auftritte, diese Kombination zu einem Eintrittspreis von 10 Euro gibt es so nur im Queen Calavera und hat inzwischen auch international einen Ruf. Mal kamen die Suicide Girls vorbei, mal legten The Hives nach einem St.-Pauli-Gig im Queen Calavera auf. Das Publikum ist munter und gemischt, manche Mädels kommen in Korsagen, und am Tresen kann man zwischen den Auftritten mit den Tänzerinnen klönen. Die beiden Holländerinnen neben mir sind schon zum zweiten Mal da: „Nette Leute und die Stimmung ist super.“

Crowdfunding soll dem Betrieb über Durststrecke helfen

Bei so viel unbeschwerter Unterhaltung ist die Nachricht umso überraschender: Das Queen Calavera ist vom Aus bedroht und hat jetzt eine große Crowdfunding-Aktion „Queen Calavera – Let us save Burlesque history!“ auf Indiegogo gestartet, die sich auch an die internationale Burlesque-Szene richtet. „Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich momentan, aber unsere monatlichen Kosten steigen“, heißt es da. „Dadurch sind wir in eine Lage geraten, finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen zu können. Uns droht von behördlicher Seite das Aus und es bleibt nur wenig Zeit, um die Situation zu retten und das Queen Calavera am Leben zu erhalten.“ Wie konnte denn das passieren?

Queen Calavera (2)

2008 hatten David und Claudia (sie war tagsüber als Wertpapier-Bankerin tätig) neben ihrem Rock’n’Roll-Schuppen „King Calavera“ am Hans-Albers-Platz 1 auch das Queen Calavera eröffnet. Fünf Jahre später war Claudia Gritl wieder solo und musste die beiden Läden abgeben. Sven Petersen übernahm mit einem Partner das „King“, das Queen Calavera führte er allein weiter.

„Wir haben für das King eine ‚UG‘ gegründet“, sagt Petersen (UG = haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft, die Red.). Mit dem Partner lief es dann allerdings nicht. Aus Streit wurde ein Zerwürfnis, das sich noch tiefer und hässlicher entwickelte als das zwischen Rocko Schamoni und Wolf Richter über den Pudel Club. „Ich fühlte mich bedroht und bin ausgestiegen. Aber als Geschäftsführer muss ich für den Schaden haften“, sagt Petersen. An ihm blieb ein Teil der Steuerschulden hängen. Das Amt für Verbraucherschutz will jetzt Geld sehen.

Queen Calavera

Aus den Einnahmen des Queen Calavera ist die Schuldenlast allerdings nicht zu stemmen. „Das Queen Calavera steht gut da“, sagt Petersen, „nur: Das ist ein kleiner Laden mit hohen Kosten für die Künstler. Wir erwirtschaften die laufenden Kosten, viel bleibt aber nicht übrig.“ Das Crowdfunding soll den gewachsenen Kostendruck auf das Queen Calavera abwenden helfen. „Wir mussten sehr schnell reagieren, deshalb haben wir als anvisiertes Ziel 55.000 US-Dollar reingeschrieben. Das klingt viel, wahrscheinlich werden wir diese Summe auch nicht schaffen“, sagt Petersen. Aber Aufgeben oder Verkaufen kommt für ihn nicht infrage: „Das Queen Calavera ist mein Baby. Es lebt von den gewachsenen Beziehungen in die Burlesque-Szene.“

Die Resonanz auf die Crowdfunding-Aktion sei bis jetzt sehr gut. „Ich werde immer wieder von Leuten darauf angesprochen“, sagt Petersen. „Das Geld wird nicht versenkt, sondern kommt allein dem Überleben des Clubs zugute.“ Eine große Hilfe ist das Video auf Indiegogo, in dem namhafte Künstlerinnen aufrufen, dem Club zu helfen.

„In Hamburg muss sich doch wenigstens eine Burlesque-Bar halten können“

Unterstützung kommt auch von der Hamburger Burlesque-Künstlerin Golden Treasure, die schon mit den „Harbour Pearls“ im Queen Calavera auftrat und später als Solo-Tänzerin (heute in der „Petit Fours-Show“ im Schmidts Tivoli). „Das Queen Calavera ist eine Institution, wo man sehr gut freie und schöne Sachen machen und auch improvisiert auftreten kann, was woanders nicht möglich ist“, sagt sie. „Sven hat es hingekriegt, dass wechselnde Künstlerinnen von überall her kommen. In Hamburg muss sich doch wenigstens eine Burlesque-Bar halten können! Es wäre zu traurig, wenn das verloren ginge.“

Um das drohende Aus abzuwenden, bietet die Crowdfunding-Aktion Unterstützern unter anderem limitierte Soli-Shirts von Künstler Till Bleifuß a.k.a. Rockabilly Artworks, private Foto-Shootings mit Burlesque-Stars wie Julietta la Doll und Artisia Starlight, Queen-Calavera-Kalender und anderes. Und ab heute abend gibt es ein Soli-Programm, siehe unten.

Queen Calavera, Gerhardstr. 7, queencalavera.com
Donnerstag, 18.2., 21 Uhr: Türsteherlesung mit Viktor Hacker und Musiker Chris Laut (Ohrenfeindt)
Sonnabend, 20.2., 12-16 Uhr: Marktplatz für Rockabilly Artworks
Donnerstag, 25.2., 23 Uhr: Charity-Event „Save the Queen“ mit den Burlesque-Künstlerinnen Pepper Sparkle und Gigi Praline (Finnland) und der Hamburgerin Curly Malone
Sonnabend, 27.2.: Vintage-Burlesque-Flohmarkt

 

Kommentare


  1. Er hat doch selbst schuld.

    Auch mir schuldet er immer noch 17.000 Euro von 20.000.

    Vertrag ist Vorhanden, und die letzte Rate hätte Ende 31.12.2015 sein sollen…

    Aber nicht geschied. Es heißt nur, armer Laden. Aber was noch hinter der Tür abläuft interessiert keinen.

    Ich bin nicht die einzige, den er verprellt hat, und auf Forderungen, sich unfair verhält…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz