Rotlicht / Montag, 19.05.2014

Erotik-Seminar: Hauen und Schlagen für Anfänger

 
 

Shades of Grey ist ein Märchenbuch“: Matthias Grimme erläutert in seinen Seminaren,  wie man den Partner fachgerecht vermöbelt.

Fortbildungen sind wichtig, habe ich meinem Chef erklärt. Schließlich lernt man bekanntermaßen nie aus. „Gerade in einem Beruf wie meinem, ist es wichtig, stets am Ball zu bleiben und sich neues Wissen anzueignen.“ Scheinbar hat ihn das überzeugt. Und so sitze ich hier im Stuhlkreis in einem komplett schwarz gestrichenen Raum – der mich stark an einen Verhörraum aus dem sonntäglichen „Tatort“ erinnert – und lausche aufmerksam den Worten meines Dozenten, der statt wie gewohnt mit seinem Zeigestab komplizierte mathematische Formeln zu erläutern, seiner Assistentin in aller Seelenruhe den Hintern versohlt.

Nein lieber Leser, es ist nicht meine kranke Fantasie, die mir hier einen Streich spielt. Das heutige Seminar findet ausnahmsweise mal nicht in der Universität, sondern der Boutique Bizarre an der Reeperbahn statt: „Alles übers Hauern und Painplay – Wie haue ich so, dass es beiden Spaß macht“ Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich bin selbstverständlich rein beruflich hier und damit auch nicht der einzige. Völlige Einsteiger sind hier die wenigsten. Einige der acht Teilnehmer haben sogar ihr eigenes Lieblingsspielzeug von zu Hause mitgebracht.

Zärtliche Handgriffe und kräftige Hiebe

Neben mir hat eine Frau mittleren Alters Platz genommen, die alle von mir erdachten Klischees erfüllt: Knallroter Lippenstift, eleganter Hosenanzug, teure Hilfiger-Brille und die Haare zu einem strengen Zopf nach hinten gebunden. Dazu noch ein leicht osteuropäischer Akzent und das Bild der bildungshungrigen Domina ist perfekt. Natascha, wie wir sie an dieser Stelle nennen, arbeitet in einem Hamburger Massagesalon für besonders glückliche Kunden. Neben zärtlichen Handgriffen will sie demnächst auch kräftige Hiebe ins Programm aufnehmen. Zu meiner rechten Seite sitzen zwei Paare, die ebenfalls die 30 bereits hinter sich gelassen haben. Die beiden Frauen lehnen angeschmiegt an der Schulter ihres Partners. Noch werden zärtlich die Händchen gehalten, die später kräftig zuschlagen sollen.

Unser Dozent ist Matthias Grimme, der „Drachenmann“ genannt, Verleger sadomasochistischer Literatur und quasi die Koryphäe der deutschen Bondage- und SM-Szene. Der 60-Jährige lebt in einer offenen Beziehung und tritt mit seiner Partnerin Nicole, die ihn auch an diesem Abend begleitet, weltweit auf. Er weiß daher nicht nur, wie man Menschen schön verpackt, sondern auch, wie man sie fachgerecht verprügelt. „Ich habe bestimmt schon rund 100 Menschen verhauen.“ Ganz einfach, weil es ihm Spaß macht, jemanden zu schlagen, der das mag. Ein echter Fachmann also.

Seine Workshops, die oft Wochen vorher bereits ausgebucht sind, bietet Matthias mehrmals im Jahr an. Für ihn oft harte Aufklärungsarbeit: „Shades of Grey ist ein Märchenbuch für Frauen, das mit SM nicht viel zu tun hat“, urteilt Matthias scharf. „Die Technik ist nicht richtig. Das Problem ist ja immer, dass die Leute so etwas nachmachen.“ Das sei jedoch nicht ungefährlich.

„Ein Tritt in die Eier ist nicht gesund“

Hauen und Schlagen im Schlafzimmer – soviel wird schnell klar – ist eine fächerübergreifende Wissenschaft für sich. Die erste Lektion, die ich an diesem Abend lerne: Man muss sich für den Schmerz öffnen. „Nichts ist langweiliger und frustrierender, als wenn der andere keine Reaktion zeigt“, sagt Matthias und blickt eindringlich durch seine ovalen Brillengläser. „Dann kann man auch gleich ein Kissen verhauen.“ Anders als bei einer Kneipenschlägerei auf dem Kiez gelten im Schlafgemach jedoch strenge Regeln. So erläutert Matthias zu Beginn zunächst sehr ausführlich die Anatomie des menschlichen Körpers. Als examinierter Krankenpfleger weiß er, wovon er spricht. Gegen eine Backpfeife „mit Gefühl“, so lerne ich, ist nichts einzuwenden, Schläge auf Hirnschädel, Nacken oder Schulterblätter sind dagegen ebenso tabu wie Rippen oder Nieren. Gerade bei Letzteren empfiehlt sich immer mal ein Blick auf die Anatomietafel – oder wisst ihr etwa, wo die Nieren sitzen?

Auch bei den Geschlechtsteilen mahnt der Experte zur Vorsicht und warnt vor tagelangen Überreitzungen oder den durch Dieter Bohlen populär gewordenen Penisbruch. Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel: „Ich habe auf einer Fetischparty in Japan einmal einen Typen gesehen, der sich von verschiedenen Frauen abwechselnd mit Anlauf in die Eier treten ließ“, erzählt Matthias entspannt. Seine tiefe und ruhige Stimme erinnert mich irgendwie an den Erzähler aus den TKKG-Hörspielkassetten meiner Kindheit. „Nach jedem Tritt winselte er ein paar Minuten am Boden, stand wieder auf und das Spiel begann von neuem.“ Eine Vorliebe, die der Experte glücklicherweise für ebenso bedenklich hält wie ich.

Interessant wird es natürlich da, wo von Natur aus Fett- und Muskelmasse sitzen. Beim Hintern, so erläutert Matthias, kann man naturgemäß wenig kaputt machen. Ein Grund weshalb Assistentin Nicole nun das schwarze Spitzenröckchen heben muss, damit nach der ganzen Theorie nun der praktische Teil des Abends folgen kann. Egal ob Reitgerte („eines der Standardwerkzeuge“), geschälter Rohrstock oder hochwertige Riemenpeitsche – Matthias hat ein ganzes Sammelsurium verschiedener Schlaginstrumente von zu Hause mitgebracht. Kuriose Nebenbemerkung: Auch diese Werkzeuge müssen in der Gefahrenzone St. Pauli gut verschlossenen transportiert werden. „Wenn der Beamte einen schlechten Tag hat, darf er sie schon mal als gefährliche Gegenstände beschlagnahmen“, sagt Matthias. „Alles schon passiert.“ Ärgerlich, schließlich kostet allein eine gute Reitgerte zwischen 80 und 350 Euro.

Oberstes Gebot: Es muss gut wehtun

Nicole hat sich derweil mit den Händen an der Wand abgestützt und hält Matthias ihre ansehnliche Rückseite entgegen. Es zischt und knallt als dieser mit einem dicken Rohrstock ausholt und ihre linke Pobacke trifft. Ein Raunen geht durchs Publikum. Der linke Fuß zuckt, ein kurzes „Ah“ – mehr passiert bei Nicole nicht. „Ja, ganz nett“, sagt sie amüsiert. Blaue Flecken kriege sie davon kaum noch. „Das kann man alles trainieren.“

Besonders stolz ist Matthias auf seine kurze Singletail – eine geflochtene einschwänzige Lederpeitsche, die er vor Jahren auf einer Messe erworben hat. „Die kosten normalerweise ein Vermögen.“ Auch seine Frau sei von dem Unikat total begeistert. Die Indianer-Jones-Peitsche von drei Metern Länge bleibt dagegen an diesem Abend liegen. „Dafür bin ich einfach zu doof, das kriege ich nicht hin.“

Wie zu erwarten, ist es auch in der Praxis mit blindem Draufschlagen nicht getan. Während Nicoles Hintern mittlerweile die Farbe eines dunkelroten Apfels annimmt, erläutert Matthias nebenbei Winkel und Schlagtechnik aller Instrumente. Die Kalibrierung – die Schwierigkeit herauszufinden, wie fest man nun zuschlagen kann – sei dabei das schwierigste. Generell gilt: „Je dicker das Instrument umso dumpfer der Schmerz; je dünner umso heller“, sagt Matthias. „Bei einem Werkzeug mit großer Fläche kann man daher fester schlagen als bei einem Rohrstock, bei dem die Kraft entsprechend zentriert ist.“ Das oberste Gebot laute dabei stets: „Es muss gut wehtun!“ Die Einvernehmlichkeit der teilnehmenden Personen sei immer Grundvoraussetzung. Das ist für ihn auch der große Unterschied zwischen Sadomaso und roher Gewalt: „Gewalt ist gescheiterte Kommunikation“, sagt Matthias. „SM ist geglückte Kommunikation.“

Matthias empfiehlt daher, sich beim Hauen Zeit zu nehmen. Zeit zum Reden und Ausprobieren, und Zeit, damit der Schmerz sich entfalten kann. „Man muss ihn schließlich genießen.“ Das blinde Draufhämmern sei nur etwas für die sogenannten „Dumm-Doms“, wie Matthias die dominanten Herren nennt, die keine Peilung haben. Schließlich sei zu Bedenken, dass auch der aktive Partner irgendwann erschöpft ist. Blaue Flecken an den Händen oder der berühmt berüchtigte Tennisarm seien keine Seltenheit. „Das ist mir im letzten Urlaub auch passiert, da habe ich Nicole dreimal täglich verhauen.“ Am Strand liegen, ist aber auch einfach was für Langweiler.

Dozent Matthias Grimme weiß wie man Reporter fachgerecht verhaut

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