Rotlicht / Samstag, 05.03.2016

Sexarbeit: „Das Gesetz geht nach hinten los“

 
 

Beim Fachkongress Sexarbeit in Hamburg stieß das geplante Prostituiertenschutzgesetz auf harsche Kritik. Interview mit Sexarbeiterin Johanna Weber. 

Das Prostituiertenschutzgesetz wäre für die Branche ein Desaster. Das war die einhellige Meinung unter rund 300 Frauen und ein paar Männern aus der Sexarbeit, die beim Fachkongress an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) seit Donnerstag über die möglichen Folgen beraten haben. Auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) äußerte sich in ihrer Begrüßungsrede skeptisch.

Johanna Weber

Johanna Weber

Was genau sind die Kritikpunkte am Gesetz? Die Antworten gibt Johanna Weber, als Sexarbeiterin in Berlin, Hamburg, München und Zürich tätig. Sie ist Sprecherin des Bundesverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) und Mitglied des Berufsverbands Sexarbeit.

St. Pauli Blog: Warum ist Anonymität für euren Beruf so wichtig?
Johanna Weber: Das liegt auf der Hand. Was passiert, wenn du auf einer Party am Büffet stehst und es kommt die übliche Frage „was machst du denn so?“ – „Ich bin Prostituierte.“ – „Und ich arbeite im Blumenladen.“ Würde es dieses Gespräch geben? Sicher nicht. Oder was passiert, wenn ein Kind in der Schule sagt „meine Mama ist Nutte, und deine?“ Oder wenn ein anderes Kind sagt: „Die Mama von der Sandra ist Nutte“? Oder wenn eine Frau sich scheiden lässt und es kommt zu einem Sorgerechtsstreit? Wer kriegt wohl das Kind, der sorgende Vater oder die Prostituierte?

Die Anmeldepflicht für Sexarbeiterinnen, die das Prostituiertenschutzgesetz vorschreiben will, macht diese Anonymität unmöglich. Zu welchen Nachteilen kann die Meldepflicht führen?

Weber: Sie führt dazu, dass wir unser Doppelleben verlieren können. Wir werden dadurch zwangsgeoutet. Den meisten Sexarbeitenden ist es aufgrund der Beispiele, die ich genannt habe, sehr wichtig, dass sie ein Doppelleben haben. Denn Prostituierte ist eben leider kein „normaler“ Beruf. Frauen, die in ihrem Leben irgendwann noch mal etwas anderes machen wollen, werden auf jeden Fall verhindern, dass bekannt wird, dass sie einen Fuß in der Prostitution hatten. Es ist ein großer Nachteil, dass einem das ewig anhängt. Dazu kommt: Wenn man Sexarbeit nebenberuflich macht – neben einem Teilzeitjob etwa – und anmelden müsste, hätte man so gut wie immer Nachteile im Hauptberuf. Für uns ist die Anonymität etwas ganz Zentrales, um in unserer Gesellschaft ein normales Leben führen zu können.

Gibt es auch ganz praktische Nachteile der Meldepflicht? Nicht alle Sexarbeiterinnen arbeiten z.B. nur an einem einzigen Ort.

Weber: Das stimmt, unsere Branche ist sehr mobil, denn wenn man Sexarbeit hauptberuflich macht, kann man von den Einnahmen in einer Stadt allein nicht leben. Viele Kolleginnen besuchen Kunden im ganzen Bundesgebiet oder sie arbeiten eine oder zwei Wochen hier und dann eine Zeitlang woanders. Sich da ständig umzumelden wäre rein praktisch gar nicht machbar, weder für uns noch für die Kommunen.Aber von der regionalen Meldepflicht ist inzwischen auch bei den Gesetzesmachern nicht mehr die Rede.

Das Gesetz verpflichtet Prostituierte in jährlichem Rhythmus zu einer gesundheitlichen Beratung beim örtlichen Gesundheitsdienst. Wird damit der alte Bockschein wieder eingeführt, den es bis 2000 gab?

Weber: Nein, der Bockschein war eine Untersuchungspflicht, hier geht es „nur“ um eine Beratungspflicht. Aber auch die ist kontraproduktiv. Denn eine Pflichtberatung ist ja etwas ganz anderes, als wenn ich mir überlege, dass mein Körper mein Kapital ist und ich mich informieren möchte, wie ich damit gesund und vernünftig arbeiten kann. Das belegen auch Studien etwa vom Robert-Koch-Institut und auch von der Deutschen Aidshilfe: Die anonyme und kostenlose Beratung war ein sehr großer Erfolg und hat dazu geführt, dass Deutschland in Europa das Land mit dem niedrigsten Stand an Geschlechtskrankheiten ist. Nach dem Infektionsschutzgesetz bieten alle Gesundheitsämter kostenlose und anonyme Beratungen über Geschlechtskrankheiten an, für alle Menschen, also z.B. auch solche, die sich nach einem Seitensprung nicht trauen, zum Hausarzt zu gehen.

Nach dem Prostitutionsschutzgesetz wäre die Beratung für Sexarbeiterinnen aber eben nicht anonym.

Weber: Wir haben gar nichts gegen Beratung an sich. Das Problem ist, dass wir uns da schon wieder melden müssten. Wir müssten uns beim Gesundheitsamt registrieren lassen und mit der Registrierung dann zu einer noch nicht näher beschriebenen Behörde gehen, um uns dort als Prostituierte anzumelden.

Manche fürchten, auch das Vertrauensverhältnis zu den Beratungsstellen würde bedroht. Warum?

Weber: Wenn ich verpflichtet bin, zu einer Beratung zu gehen, ist es etwas ganz anderes, als wenn ich freiwillig zu einer Beratungsstelle gehe, von der ich weiß, dass ich willkommen bin, auch wenn es ein Problem gibt. Wenn eine Prostituierte anonym arbeiten will – dann muss sie nach dem Inkrafttreten des Gesetzes illegal arbeiten. Und ich vermute, dass dies viele tun werden. Sie können dann den Service des Gesundheitsamtes nicht mehr in Anspruch nehmen, weil sie sich ja dort registrieren müssen.

Bordellbetreiber sollen stärker kontrolliert werden: Sie brauchen künftig eine Konzession und sollen dafür ein Betriebskonzept vorlegen. Das gilt auch für die Wohnungsprostitution. Die Betreiberkonzession soll verhindern, dass z.B. vorbestrafte Menschenhändler oder Mitglieder verbotener Rocker-Clubs Bordelle betreiben, das klingt erst mal fürsorglich. Was ist eure Kritik daran? 

Weber: Auch wir wollen nicht, dass Menschenhändler Bordelle führen. Das ist nicht unsere Kritikpunkt. Es geht um die angedachten Auflagen. Diese sind für kleine Prostitutionsstätten überhaupt nicht umzusetzen. Bevor man ein Gesetz macht muss man sich doch erst Mal den aktuellen Stand der Dinge anschauen und ob man mit den Ideen, die man hat nicht vielleicht völlig am Bedarf des Marktes vorbeigeht. Es gibt nicht nur Großbordelle. Die kleinen Wohnungsbordelle sind oft sehr gute Arbeitsplätze und werden oft von Frauen selber geführt. Wollen wir die Möglichkeit, dass sich Frauen als Prostituierte selbstständig machen, komplett abschaffen oder weiter offen halten? Das Gesetz sieht zum Beispiel vor, dass es in Prostitutionsstätten getrennte Badezimmer für Männer und Frauen geben soll. Wie will man denn in einer Zweizimmer-Wohnung noch ein zusätzliches Badezimmer einbauen? Die großen Betriebe haben das schon alles, aber wie sollen die kleinen das schaffen? Frauen, die lieber in diskreten, privaten Umfeld arbeiten, werden gezwungen, in die großen, anonymen Kästen zu gehen. Dort gibt es durchaus auch gute Arbeitsplätze, aber es ist eben nicht für jede Kollegin der richtige Ort.

Wird es überhaupt schwierig für Prostitutionsstätten in Wohnungen?

Weber: Prostitutionsstätten dürfen nach dem Gesetz nicht dort sein, wo gewohnt wird. Das heißt, alle Wohnungsbordelle fallen schon mal weg. Das sind in Berlin 80 %, in Hamburg etwa 70% der Prostitutionsstätten. Die können alle dicht machen, auch wenn sie seit 20 Jahren beschwerdefrei gearbeitet haben und für die Nachbarn Pakete angenommen und in deren Urlaub die Blumen gegossen haben. Es ist doch nicht so, dass überall nur Sodom und Gomorrha herrscht und die armen Frauen geknechtet und geschlagen werden. Es gibt sehr viele gute Arbeitsplätze, die mit dem Gesetz einfach wegfallen würden. Es geht nur noch danach, dass man stadtplanungstechnisch im „richtigen“ Gebiet arbeiten darf, das heißt im Kern- oder Gewerbegebiet. Prostitution wäre auch im Sperrgebiet ausgeschlossen und in solchen Kerngebieten, wo speziell Prostitution ausgeschlossen ist. Damit bleiben so gut wie überhaupt keine Bereiche mehr, wo eine Prostitutionsstätte sein darf. Nicht mal eine mehrjährige Übergangsfrist ist vorgesehen.

Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Laufhaus, BDSM-Studio, Escort-Service, Erotikmassage und drei Sexarbeiterinnen, die gemeinsam Arbeitsräume angemietet haben. Sind im Vorfeld der Gesetzesberatungen da keine Bedenken geäußert worden?

Weber: Doch, natürlich. Aber es hört einem ja keiner zu! Wir haben immer wieder gesagt: Prostitution ist ein Markt mit vielen Facetten, der sich historisch entwickelt hat. Da kann man nicht sagen: Wir machen das jetzt von einem Tag auf den anderen total anders. Wir sagen doch auch nicht: Eisdielen darf es künftig nur noch an großen, belebten Plätzen geben, weil die Bevölkerung eh zu übergewichtig ist.

Was wäre die Alternative zur Bordell-Konzession? Die normale Gewerbeaufsicht?

Weber: Ja, die Alternative wäre, dass wir die Prostitutionsstätten ganz normal als Gewerbe anmelden, so wie man ein Schuhgeschäft anmeldet.

Nach dem Gesetzentwurf sind Räume in Bordellen „nicht zur Nutzung als Schlaf- und Wohnraum bestimmt“. Außerdem sollten Polizei und Behörden jederzeit Zutritt zu Bordellen haben. Damit sollte wohl verhindert werden, dass Zwangsprostituierte in Bordellen festgehalten werden. Was bedeutet das in der Praxis?

Weber: Die Idee dahinter ist tatsächlich, dass Zwangsprostituierte aus Bordellen nicht herauskommen und dort 24 Stunden lang arbeiten müssen. Und man hat gedacht, da tun wir jetzt etwas Gutes und bestimmen, dass die Frauen da nicht mehr schlafen und wohnen dürfen. Nur: Wenn ich nach München reise, um dort in einem Bordell zu arbeiten, schlafe ich dort auch. Soll ich künftig auch noch ein Hotelzimmer bezahlen? Bei den hohen Tagesmieten im Bordell will ich doch möglichst viel Umsatz machen. Ich selbst könnte sagen, dann reise ich eben nicht mehr nach München. Aber wir haben in Deutschland viele Migrantinnen, die in der Prostitution arbeiten. Wenn die hier herkommen, haben sie keine Wohnung und sind darauf angewiesen, dass sie in einem Bordell arbeiten und schlafen können. Die arbeiten oft sowieso unter prekären Bedingungen und verdienen nach Abzug aller Kosten gerade mal genug, um ihrer Familie ein paar Euro nach Hause zu schicken. Jetzt sollen sie auch noch ein Zimmer mieten, wovon denn? Und wer vermietet denn an eine Ausländerin, die Prostituierte ist? Wo schlafen diese Frauen in Zukunft? Auf der Straße. Oder bei irgendwelchen Kunden, die sie vielleicht mit nach Hause nehmen, selbstverständlich gegen Gefälligkeiten. Da geht das Gesetz total nach hinten los. Genau denen, denen geholfen werden soll, wird damit geschadet.

 

Kommentare


  1. Das gesetz ist vollkommen richtig und könnte ruhig noch etwas verschärft werden.Prostitution ist ein beruf wie jeder anderer und sollte auch genauso behandelt werden. Wer sich schämt sich zu outen wird auch nicht zu anderen dingen stehen.

    • Nicky, sie sind wohl viel zu weit weg von der Realität. Johanna hat es doch gut beschrieben. Prostitution ist eben nicht ein Beruf wie jeder adere. Es wäre gut, wenn es so wäre, aber ein Großteil der Frauen kann sich nicht „outen“ weil die Anonymität dann auffliegt und sie Nachteile in Kauf nehmen müssen. Neben den deutschen Frauen, die sowas nebenbei machen, sind hier fast alle Osteuropaerinnen echt betroffen. Die arbeiten hier im „Hotel“ , wie sie es ihrer Familie erzählen, in ihrem Heimatland wird dieses Beruf gar nicht akzeptiert. Mit den geplanten Regeln müssen mind. 50-70 % der Frauen einfach aufgeben, weil sie sich schon mal das Hotel nicht leisten können, da das Gesetz verbietet im Bordell zu schlafen. Es ist ein Prostitutionseinschränkungsgesetz, eine Moralkeule und es ist glücklicherweise zu erwarten, das das Bundesverfassungsgericht es kippen wird, weil es gegen sehr viele Grundrechte verstößt.

    • Du solltest dich schon entscheiden! Entweder ist es ein Beruf wie jeder andere, dann ist so ein Sondergesetzt wie das geplante Postituiertenschutzgesetz mit der geplanten Beratungspflicht, Registrierung der Sexarbeiterinnen usw. nicht drin, oder es ist eben kein Beruf wie jeder andere! Die meisten Frauen schämen sich nicht, sondern sie haben ganz klar Nachteile durch die Stigmatisierung ihres Berufes in der Gesellschaft. Viele Berufe kann man später nicht mehr ausüben wenn bekannt ist das man als Sexarbeiterin gearbeitet hat. Dazu kommt noch die Behandlung der SexarbeiterInnen durch die Gesellschaft, d.h. ihre Nachbarn, die Lehrer ihrer Kinder usw.

    • Lieber Nicky – ihre Antwort ist von keines Gedankens Blässe angekränkelt. Ich hatte vor rund zehn Jahren mein Zwangsouting: ein „besorgter Bürger“ hatte anonyme Briefe an sämtliche Tageszeitungen der Stadt in der ich lebe und arbeite geschickt und außerdem noch alle möglichen Honoratioren – von der Bürgermeisterin bis hin zum Vorsitzenden des Kirchenvorstandes meiner Gemeinde – „informiert“. Die Presse hat sich damals der Sache liebevollst angenommen – offensichtlich war man froh, dass es in unserem harmlosen ostwestfälischen Mittelstädtchen mal einen „Skandal“ gab. Ich wurde zwar nicht mit meinem Klarnamen genannt – aber ich war eindeutig identifizierbar. Das Begleichen der Folgekosten (Anwalt etc) hat mich etwa zwei Jahre beschäftigt, weil ich aufgrund meines geringen Einkommens abstottern musste – und die Kollateralschäden merke ich auch heute noch, wenn es zum Beispiel um gesellschaftliche Kontakte außerhalb des Berufsverbandes geht.
      Sonst noch Fragen?

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