Rotlicht / Freitag, 08.04.2016

„Reeperbahn“: Haifischbecken statt Glitzermeile

 
 

Timo Roses Kinofilm „Reeperbahn“ hat am Sonnabend Premiere im Studio Kino Bernstorffstraße. Ein Gegenentwurf zu Sönke Wortmann und Dieter Wedel.

Mit „Glitzermeile“ hat Timo Rose nichts im Sinn. Der deutsche Independent-Regisseur, der bisher vor allem im Horror-Genre zu Hause war, will in seinem Kino-Film „Reeperbahn“ ein ganz anderes, härteres St. Pauli zeigen. Die ersten Takes auf YouTube lassen erahnen, wie hart und wie unangenehm das werden kann. Über die Dreharbeiten im Sommer 2014 hatten wir schon berichtet. Jetzt kommt der Film ins Kino. Am Sonnabend wird im studio kino an der Bernstorffstraße die Premiere gefeiert.

Die Filmcrew nach den Dreharbeiten in der "Ritze"

Die Filmcrew nach den Dreharbeiten in der „Ritze“

„Wir hatten eigentlich eine Freigabe ab 16 Jahren anvisiert“, sagt Timo Rose, „aber dann haben wir von der FSK nur die Freigabe ab 18 Jahre bekommen.“ Grund: Der Film ende negativ, sogar in einem „Gewaltexzess“, habe die FSK argumentiert. Aber Rose wollte eben auch eine andere Reeperbahn zeigen als Sönke Wortmann in „St. Pauli Nacht“ (1998) mit Heiner Lauterbach. Oder als Dieter Wedel mit seinem TV-Sechsteiler „Der König von St. Pauli“ (1997).

Reeperbahn Film (2)

Szenenfoto: Die Kamera folgt in Absteigen und Hinterhöfe

„Polaroidähnliche Kiezimpressionen“ wie bei Wortmann sind von Tino Rose nicht zu erwarten. Bei ihm wird es auch dreckig und gemein. Seine Kamera bewegt sich zeitweise auf Fußhöhe, erfasst Bettler und Junkies, folgt den Darstellern in Absteigen und Hinterhöfe. „Gedreht wir ausschließlich an Originalschauplätzen, auf der Reeperbahn natürlich, im Bunny Palace, in der ‚Ritze‘, sogar in einem Haus der Herbertstraße durften wir Aufnahmen machen“, sagt Rose. „Viele Kiezleute haben uns unterstützt und als Statisten mitgewirkt.“

Er habe den Stoff schon jahrelang im Kopf gehabt. „Irgendwann redet man dann mit Leuten vor Ort, auch aus dem Milieu, und hört irre Geschichten. Rund 60 Prozent der Filmhandlung beruhen auf Dingen, die wirklich passiert sind.“ Auch Hauptdarstellerin Lisa Katharina Volk hat sich mit Prostituierten unterhalten, um sich auf ihre Rolle als junge Prostituierte Sarah vorzubereiten. Die Kamera rückt den Darstellern dicht auf die Pelle – das gehört zu Roses Handschrift.

Senenfoto mit Hauptdarstellerin Lisa Katharina Volk (u.a. "The Angst", "Resurrection")

Senenfoto mit Hauptdarstellerin Lisa Katharina Volk (u.a. „The Angst“, „Resurrection“)

Im Film schafft Sarah auf der Reeperbahn an, Halt findet sie in einer Therapiegruppe (als Therapeutin: Rebekka Mueller) und bei ihrer besten Freundin Tina (Tessa Bergmeier). Aber auf dem Kiez herrschen knallharte Besitz- und Machtverhältnisse. Das bekommen nicht nur Sarah und ihr Bruder Markus (Max Evans, bekannt aus dem „Großstadtrevier“) zu spüren, als Sarahs ehemaliger Zuhälter Uffuk (Marc Engel gibt hier den Fiesling erster Güte) aus dem Knast entlassen wird. Einer seiner Schlüsselsätze: „Du gehörst mir und du machst, was ich sage“.

„Die meisten Touristen und Besucher haben von St. Pauli das Bild ‚Nutten, Koks, Party‘, aber das allein ist es eben nicht“, sagt Timo Rose. Ursprünglich hatte er für den 86 Minuten langen Film ein Budget von 300.000 Euro anvisiert, letztlich wurden es weniger. Der Authentizität habe das nicht geschadet. „Ich hatte keine Lust mehr auf Horror-Trash und wollte etwas anderes machen: Einen deutschen Film über einen Stoff, von dem jeder ein Bild im Kopf hat, bei dem wir aber hinter den Vorhang schauen.“ Herausgekommen sei „ein kleines, böses Drama“.

Den Trailer und eine Inhaltsbeschreibungfindet ihr auf reeperbahn.de. Restkarten für die Premiere am 9. April um 20 Uhr gibt es beim studio kino Hamburg, Bernstorffstraße 93.

 

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