Rotlicht / Mittwoch, 24.02.2016

Neuer Massagesalon: Skandal im Sperrbezirk

 
 

Erotik wird nicht überall auf St. Pauli geduldet: Anwohner wehren sich gegen einen neuen Massagesalon. Sanierungsbeirat fordert, den Betrieb zu schließen.

Von außen fällt das apricotfarbene Gebäude kaum auf. „Wellness Massagen“ und „Massagen, die berühren“ steht auf den beiden großen Fenstern im Erdgeschoss. Was man genau unter diesen „Wellness-Massagen“ zu verstehen hat, erschließt sich einem erst nach einem Blick auf die Homepage des neuen Massagestudios an der Paul-Roosen-Straße. Dort heißt es, die „gut ein Dutzend jungen Frauen“ beherrschten eine „erstaunliche Vielfalt erotischer und sexueller Angebote“ und verstünden sich als „Begleiterinnen“,  die „so manchem Mann Orientierung auf dem verworrenen Weg zu wahrer Liebe, erfüllter, abwechslungsreicher und berauschender Sexualität oder purer, zügelloser Lust bieten“.

Für viele Anwohner rund um die Paul-Roosen-Straße ist die Sache damit klar: Hier, mitten im nördlichen Wohngebiet von St. Pauli und in unmittelbarer Nachbarschaft einer Kindertagesstätte, ist mit dem Salon „Rue Ciel“ Anfang Februar ein Betrieb aus dem Rotlichtgewerbe eingezogen. „Das passt nicht hierher“, sagt ein Nachbar, der nicht namentlich genannt werden will. Die Zeiten, in denen das Rotlichtmilieu noch rund um die Paul-Roosen-Straße aktiv war, glaubte man hier – nur wenige Meter von der Reeperbahn entfernt – lange überwunden zu haben. „Wir wollen so etwas nicht wieder haben.“

Die Eröffnung des Erotikmassagestudios sorgte auch bei der Sitzung des Sanierungsbeirats Wohlwillstraße am Dienstagabend für Gesprächsstoff. Während einzelne auf die geltende Gewerbefreiheit pochten und auf „zusätzliche Jobmöglichkeiten für St. Paulianerinnen“ verwiesen, erteilte die große Mehrheit der anwesenden Mitglieder dem neuen Massagestudio eine klare Absage. Mit 13 zu 1 Stimmen verabschiedete der Beirat eine Empfehlung, in dem die zuständigen Fachämter im Bezirksamt Hamburg-Mitte aufgefordert werden, den Betrieb umgehend stillzulegen.

Dabei beruft man sich vor allem auf die Ziele des Integrierten Entwicklungskonzepts für das Sanierungsgebiet St. Pauli (S5 Wohlwillstraße), das die Stadtentwicklungsgesellschaft (steg) im Auftrag des Bezirksamtes Hamburg-Mitte erarbeitet hat. Bezüglich der Ziele für die lokale Ökonomie heißt es darin: „Keine Genehmigung für die Umnutzung von Gewerbeflächen in Wettbüros, Wettannahmestellen, Spielhallen, Betriebe aus dem Rotlichtgewerbe, insbesondere Bordelle und bordellähnliche Betriebe sowie sonstige Vergnügungsstätten (…).“

Eine Aussage, die für die Verwaltung in aller Regel bindend ist. Bislang ist jedoch bei den zuständigen Behörden noch kein Antrag auf gewerbliche Nutzung der Räumlichkeiten an der Paul-Roosen-Straße eingegangen, heißt es auf Anfrage aus dem Bezirksamt. Demnach sei auch keine Genehmigung erfolgt. „Wir haben das auf dem Zettel“, sagte eine Mitarbeiterin des Bezirksamts. Demnach werde die Bauprüfabteilung nun untersuchen, ob eine derartige Nutzung rechtlich zulässig sei.

Dabei wird man sich wohl auch mit der Frage beschäftigen müssen, inwieweit das neu eröffnete Massagestudio tatsächlich als Bordell bzw. bordellartiger Betrieb einzustufen ist. Zwar erinnert das „Rue Ciel“ von außen an ein gewöhnliches Massagestudio, jedoch wirbt man neben der eigenen Homepage, auch auf einschlägigen Erotikportalen wie „Modelle Hamburg“ oder „Treffpunkte.de“ mit entsprechenden Angeboten.

So bietet das Massagestudio neben der „Erotikmassage“ (ab 50 Euro) oder der „Body to Body Massage“ (ab 60 Euro), auch eine „Rueciel Spezial Massage“ (ab 70 Euro) an, bei der laut Beschreibung „die Brustwarzen, der Penis bzw. die Scheide sowie der Po“ besondere Beachtung finden. „Der Orgasmus ist zwar nicht das primäre Ziel, ist aber auch nicht ausgeschlossen“, heißt es. Indes werden Geschlechts- und Oralverkehr kategorisch ausgeschlossen, dennoch versprechen die insgesamt elf „Massageengel“ zwischen 21 und 38 Jahren „Berührung ohne Hemmungen“.

In ähnlichen Fällen in der Vergangenheit hatten Gerichte über derartige Erotikmassagestudios immer wieder unterschiedlich geurteilt. In Berlin hatte beispielsweise das Oberverwaltungsgericht 2003 eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts aufgehoben, wonach der betreffende als „Massagestudio“ bezeichnete Betrieb nicht als bordellartiger Betrieb einzustufen sei.

Laut Oberverwaltungsgericht handelte es sich bei dem betreffenden Massagestudio eindeutig um einen bordellartigen Betrieb. Charakteristisch sei die „entgeltliche Vornahme sexueller Handlungen mit – zumeist – wechselnden Partnern (…), wobei der Begriff der sexuellen Handlung alle Modalitäten und Varianten der den jeweiligen Partner sexuell stimulierenden Betätigungen umfasst“. Das gelte auch für „die dort praktizierte Art der auch den Genitalbereich erfassenden Ganzkörpermassage durch Frauen mit unbekleidetem Oberkörper sowie die spezifische Form der Zeitungsanzeigenwerbung für den Betrieb. Dass hierbei in erster Linie eine Wellness-Massage mit lediglich erotischem Einschlag, nicht aber ein vorwiegend auf die sexuelle Stimulation ausgerichteter Kontakt stattfindet, ist unglaubhaft.“

Auf St. Pauli warten viele nun gespannt darauf, zu welchem Ergebnis die Behörden im aktuellen Fall kommen.

 

Kommentare


  1. haha… jaja, die neuen „Szene“-Nachbarn. Hängen vermutlich nachts auf irgendwelchen Pornoseiten rum, freuen sich über die zahlreichen Bars und Kneipen (die ggf. eher später mal eine Verlockung für die lieben Kleinen darstellen könnten) aber so ein Massagesalon „…passt nicht hierher“. Falsches Viertel ausgesucht würde ich sagen… Aber naja, in er tollen Paul-Roosen-Str war ja auch vor Jahren kein Platz mehr für die Punk-Kneipe „Skorbut“, die dort inkl. Vorgänger „Max Bar“ knapp 10 Jahre im heutigen „Krug“, wo jetzt halt kultiviert gesoffen wird, zu finden war und unfreiwillig gehen durfte.
    Da wundert einen sowas hier auch nicht mehr.

  2. Wo leben wir hier?
    Auf St. Pauli und nicht im Vatikan! Ich begrüße das neue Gewerbe, bedaure allerdings das anscheinend nur Männer als Kunden angesprochen werden. Auch hier lebenden Frauen haben Bedürfnisse!

  3. jaja, lieber laute Hastro-Läden, denen die Nachbarschaft und die Ruhe im Geschäft egal ist..
    Gibt ja auch genug Leute, die meinen, es wäre gut, dass in der Wohlwillstr kein „Gewerbe“ (Pseudo-/Swingerclubs) ist, dafür ist dort nun eine schön laute Partymeile, ich trauere immernoch dem leisen Swingerclub hinterher, der mich nicht mit „das ist St Pauli“-Argumenten Lautstärkemäßig belästigt hat…
    ..dass die alte Szene in der Paul-Roosen mal aufgeräumt wurde(und auch mal die Vermieter „bestraft“ wurden), war wirklich nötig, da ernsthaft eklig mit viel Zwang uä, aber generelles Ablehnen von Sexarbeit ist auf Pauli schon merkwürdig. St Pauli-Style, aber bitte genormt sauber und katholisch kindgerecht, das nennt sich wohl Gentridingsda

  4. Ich kann die Beschwerden über Erotikmassagen hinter dezent verschlossenen Fenstern auch nur wenig verstehen… Ich Wohne seit bald 15 Jahren in direkter Nachbarschaft und was da deutlich mehr nervt sind hippe Wein, Krug, Tart, Schmöll und Coktailläden mit rücksichtsloser Außengastro samt allabendlich an die Kita urinierender Anhängerschaft.
    Wesentlichen lebenswerter waren da doch noch diverse Kulturvereine und von mir aus auch jetzt gerne dezentes „Rotlichtgewerbe“ – Passt aber wohl einfach nicht mehr rein.
    Vermutlich wäre hier ein Cafe für die neue Kaufkraft aus dem ~17,50€/m² Pestalotziquartier wohl die zukunftssichere Variante – Wobei für solche Vorhaben in Zukunft auch genug Platz in der Neubebauung des Kitagrundstückes zu finden sein sollte. Man darf gespannt sein!

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