Rotlicht / Donnerstag, 28.01.2016

Lesung im Puff: Mit Gott auf Zimmer 109

 
 

Schauspieler diskutieren mit Besuchern über christliche Kunst – ausgerechnet in einem der größten Freudenhäuser Hamburgs. Eine ungewöhnliche Kooperation.

Gott erwartet uns im „Office“. Er trägt einen weißen Umhang mit goldener Schrift und lehnt lässig vor einem Kühlschrank, in dessen hinterster Ecke ein Moët & Chandon lagert. Auf den vier Bildschirmen an der Wand neben ihm, flimmern die Bilder der Überwachungskameras aus dem Eingangsbereich. Immer wieder steigen Männer, am leuchtenden Springbrunnen im Eingangsbereich vorbei, die blinkenden Stufen hinauf. Sie kommen vereinzelt, mal in Gruppen, mal Alte und mal Junge, manche zielstrebig marschierend, andere unsicher vorwärts schleichend.

Gott blickt sich um und fordert uns mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen. Wir dürften uns gerne umschauen, sagt er über die Schulter gewandt. Das Fotografieren jedoch sei nicht gestattet. Wir folgen ihm durch die Waschküche in das in grellem Pink gestrichene Treppenhaus mit den weißen Frauensilhouetten an den Wänden. „Ain’t nobody loves me better“, schallt es aus den Boxen als wir den ersten Stock erreichen.

Vor Zimmer 101 blickt uns eine junge Frau in schwarzer Unterwäsche mit einem scheuen Lächeln entgegen. Die Beine übereinandergeschlagen, sitzt sie auf einem hohen Barhocker mit schwarzer „Playboy“-Decke und wippt mit ihren roten Pumps zum Takt der Musik. Wir folgen Gott auf Zimmer 109, aus dem uns ein süßlicher Duft entgegenweht. Wer keinen Platz auf einem der Barhocker oder Klappstühle findet, lässt sich auf der festen Schaumstoffmatratze nieder. Gott stellt sich vor den kleinen Flatscreen-Bildschirm an der Wand.

Zugegeben, eigentlich handelt es sich genau genommen um „Gott II“, wie auf seinem weißen Umhang geschrieben steht. „Der Erste ist bereits vergeben“, erklärt der zweite Gott, der eigentlich eine Frau ist. Anja Laïs ist an diesem Abend eines von vier Mitgliedern des Ensembles von Thalia Theater und Schauspielhaus, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, einige Kapitel aus Navid Kermanis neusten Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ vorzutragen und mit eigenen Gedanken und Erfahrungen zu interpretieren.

Manch einer mag sich jetzt zu Recht verwundert die Augen reiben: Nicht nur, dass ein Muslim seinen Blick auf die christliche Bildwelt alter Meister wie Botticelli, Caravaggio oder Rembrandt richtet, vielmehr noch, dass die Lesung seines Werks ausgerechnet in einem der berüchtigten Freudenhäuser Hamburgs stattfindet: dem heutigen Pink Palace (ehemals Eros-Center) an der Reeperbahn.

Entstanden ist die ungewöhnliche Idee bereits im September letzten Jahres, als der aktuelle Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels sein neues Werk in der Centrumsmoschee in St. Georg vorstellte. Für die Fortsetzung seiner Reihe „Herzzentrum“ äußerte Kermani einen überraschenden Wunsch: „Ideal fände ich so etwas wie ein Eros-Center, also den weltlichsten Ort überhaupt“, so der Autor. „Jesus ging zu der Sünderin und ließ sich von ihr salben, die Heilsarmee tut es ihm bis heute nach, und im Übrigen wird in dem Buch sehr oft von Sex, Körper und Schönheit gesprochen.“

Pink Palace

Sein Wunsch wurde ihm erfüllt. Bereits nach einer kurzen Bedenkzeit hätten sich die Betreiber des Pink Palace einverstanden erklärt, heißt es aus dem Thalia Theater. Nachdem das ehemalige Eros-Center Anfang vergangenes Jahr aufgrund wiederholter Razzien in die Schlagzeilen geraten war, versucht man seit dem Betreiberwechsel und der Umbenennung in „Pink Palace“ im vergangenen Sommer die Wogen wieder zu glätten. Die Kooperation mit zwei der renommiertesten Theaterhäuser Hamburgs dürfte da gerade recht kommen.

„Wir haben uns auch für das Pink Palace entschieden, weil es sich strenggenommen nicht um ein Bordell, sondern vielmehr um ein Laufhaus handelt, in dem Frauen nicht angestellt sind, sondern auf eigene Rechnung arbeiten“, begründet Christina Bellingen vom Thalia Theater die Entscheidung. Zunächst habe man überlegt, dass gesamte Haus für einen Abend zu mieten. „Wir wollten das Pink Palace jedoch nicht einfach als Kulisse nutzen. Daher haben wir uns entschieden, die Vorstellungen über mehrere Abende zu verteilen – bei laufendem Betrieb.“

Klar, dass die Abläufe aufgrund der räumlichen Bedingungen deutlich angepasst werden mussten. Denn mehr als 12 Personen passen in eine der beiden knapp neun Quadratmeter großen Steigen, die eigens für die insgesamt 26 inzwischen ausverkauften Vorstellungen bis zum 5. Februar angemietet wurden, nicht hinein. „Die Kooperation klappt erstaunlich gut, die Mitarbeiter sind sehr entgegenkommend“, lobt Christina Bellingen. Im Gegenzug versuche man, sich mit den Gruppen möglichst unauffällig im Haus zu bewegen. „Natürlich sind die Besucher neugierig, aber die Frauen, die hier arbeiten, sollen sich nicht wie im Zoo fühlen.“

Doch nicht nur die Prostituierten, auch die Schauspieler müssen sich an die neue Situation erst einmal gewöhnen. „Ich hatte mir das nicht so unkompliziert vorgestellt“, sagt Steffen Siegmund, der auf dem großen Bett in Zimmer 217 kniet. Auf dem Nachttisch hintern ihm, ruht das Gemälde des Kirchenvater Hieronymus von Leonardo da Vinci – mitten zwischen Taschentüchern, einer Kondombox und medizinischem Gleitgel. „Es macht einen so großen Unterschied, ob man das Kapitel in einer Moschee oder an einem Ort wie hier liest“, sagt Siegmund. „Wenn der Autor davon schreibt, wie Hieronymus von seinen sexuellen Begierden gequält wurde, löst das mit einem Mal ganz andere Assoziationen aus.“

Auch Gott II ist von der Atmosphäre der ungewöhnlichen Kulisse fasziniert. „Aber der Geruch macht einen irgendwann ganz tüddelig.“ Tatsächlich stolpert man nach knapp zwei Stunden zwischen da Vincis Hieronymus und roten Plüschkissen, zwischen Rembrandts „Raising of Lazarus“ und silbern glitzernder High Heels, etwas Benommen an einer Gruppe junger Männer vorbei in Freie. Noch im Hinausgehen, hallt erneut Jasmine Thompsons Stimme in meinem Kopf nach: „I hope this night will last forever.” Die junge Frau vor Zimmer 101 dürfte das womöglich anders sehen.

(Fotos: Schaefer)

 

Kommentare


  1. Lieber Daniel,

    vor wenigen Tagen trafen wir beide uns, im CRAZY HORST. Wie versprochen, habe ich einen ersten Blick, auf die „St. Pauli-News“ gewagt. Das ist sehr interessant. Künftig werde ich zu Ihren Lesern gehören. Ganz bestimmt!

    Für heute verbleibe ich,

    mit freundlichem Gruß
    Stefan Schumann, genannt Beppi

    • Lieber Beppi,
      Ich erinnere mich noch sehr gut an Sie und freue mich, dass Ihnen unsere Seite gefällt. Wir werden uns sicherlich noch bei der einen oder anderen Gelegenheit im Stadtteil begegnen.

      Mit besten Grüßen
      Daniel Schaefer

      • Der St.Pauli Blog ist informativer, aktueller und furchtloser als es z.B. der Altherrenverein/Vorstand St.Pauli Bürgerverein jemals werden wird! Hier wird nichts verschwiegen, niemand geschont und keinem in den A..gekrochen.

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