Rotlicht / Donnerstag, 03.07.2014

Erst die Arbeit, dann Champagne

 
 

Eve Champagne weiß alles über High Heels, Nipple Tassels und die Kunst der Entblätterung. Nebenbei steigt St. Paulis bekannteste Burlesque-Performerin auf Berge. Ein Porträt. 

Diese Frau liebt das große Format. In ihrem Flur stehen drei Paar Monster-Puschen, in ihrem Kleiderschrank fände eine 13köpfige Fellachenfamilie samt Schafen Platz. Sie selber misst 1,81 Meter, mit Hütchen und High Heels kommt sie auf gute 1,95 Meter. „Aber in Olivias Show Club bin ich die Kleinste. Und die Weiblichste!“, sagt sie und lacht.

Jetzt am späten Nachmittag ist Eve Champagne noch Evelyn Szepa, die auf St. Pauli in einer WG mit zwei Männern wohnt und erst mal die Espressomaschine anwirft. Bald ist Schminkzeit – Haare legen, Wimpern kleben, Lidschatten auftragen. Vor ihr liegt ein strammes Programm: zwei Kiez-Führungen à anderthalb Stunden, danach ab 23.30 Uhr Show. Vier Tage die Woche, bei Feiertagen auch mehr.

Eve zu Hause vor ihrem Schminktisch

Eve zu Hause vor ihrem Schminktisch

Als sie vor sieben Jahren aus Bremen nach Hamburg kam, trat sie als eine der ersten Performerinnen des „neuen“ Burlesque in Deutschland im „Queen Calavera“ auf. Das klassische Burlesque entstand in den 1940ern in den USA. „Damals war das wie Striptease“, sagt Eve, „denn man durfte man ja noch nicht alles zeigen. Das heißt: Nippel bedeckt, Höschen bleibt an.“

Wichtiger als Nacktheit ist beim Burlesque die charmante, lustige und frivole Geschichte, zu der sich die Tänzerin auszieht, bis auf ein letztes bisschen Stoff zum Schluss. Eve Champagne zelebriert dabei ihren eigenen Stil, angelehnt an die 40er-Jahre-PinUps der amerikanischen GIs: freche Hütchen, freche Korsagen, very vintage.

„Von dieser Zeit war ich schon als Kind fasziniert“, sagt sie. „Damals haben sich die Mädels viel Mühe gegeben, wenn sie ausgegangen sind, nach dem Motto: Warum soll ich was Bequemes tragen, wenn ich auch was Wunderschönes anziehen kann?“ Als Teenager schwärmte sie für die Filme der 40er und 50er, für die schönen Abendkleider, tollen Frisuren, die Liebesgeschichten. „Und für die Musik, diesen Bigband-Sound. Ich hab davon geträumt, eine beleuchtete Showtreppe runterzulaufen, so mit Zylinder und Tanzstöckchen.“

Bloß fand sie sich damals furchtbar hässlich. „Ich war riesengroß, dürr, kein Arsch, keine Titten, Zahnspange und Brille. Mobbingopfer Nummer eins.“ Durch die Filme sei sie darauf gekommen, PinUp-Bilder zu sammeln. Und über die PinUps zu Burlesque.

Erst Burlesque hätte ihr geholfen, ihre Weiblichkeit zu entdecken. „Da hab ich mich zum ersten Mal glamourös gefühlt, am liebsten hätt ich mich in einem roten Kleid auf ein schwarzes Piano gelegt, einfach um das Gefühl zu haben: Aaach, ich bin ja sooo ein geiles Stück!“ Eine große Inspiration war Dita von Teese, die hollywoodeske Burlesque-Ikone, die sich im Pariser „Olympia“ in einer Sektschale räkelt und mit Marilyn Manson verheiratet war.

Aber diese Art eleganter Südstaateneiblichkeit will Eve nicht kopieren. „Dita ist Dita, ich will ich selbst sein. Und ich bin als Typ einfach burschikos. Das Allergroßartigste ist, dass ich trotzdem in die verschiedensten Rollen schlüpfen kann.“ Der Mix aus Witz, Glamour und Persiflage bei Burlesque macht alles möglich, von der Hausfrau bis zur Rodeoreiterin. „Wenn ich Lust habe, eine Piratin zu sein, bin ich eine Piratin. Oder eben Drunken Sailor. Aber trotzdem sexy. Und schön.“

Die besoffene Matrosin gehört zu ihren beliebtesten Nummern. Was dabei ins Auge fällt: Eve hat keine Tattoos. Damit ist sie unter ihren Freunden und auch unter vielen jüngeren Show-Gästen ein Exot. Aber das gefällt ihr wieder: Bloß aus dem Rahmen fallen.

Mit Barbie Stupid und Lee Jackson in der Garderobe von Olivias Show Club

Mit Barbie Stupid und Lee Jackson in der Garderobe von Olivias Show Club

Privat ist sie das Gegenteil von exaltiert, nämlich umgänglich und bodenständig. In ihre große Survivaltasche packt sie gerade noch mehrere Tupperdosen mit Schnittchen und Salat. Das machen auch ihre Kolleginnen Barbie Stupid und Lee Jackson so, mit denen sie sich die Garderobe in „Olivias Show Club“ teilt. Der Abend wird lang, und man muss sich ja zwischendurch stärken. Im Show Club setzen Barbie und Lee gerade ihre roten Löckchenperücken auf. „Sag bloß, du kriegst da Cellulite“, albert Barbie, als Eve ihr Bein in die schwarze Hose steckt. In ihrem Kieztouren-Kostüm mit brandrotem Cape und rotem Hütchen auf den roten Locken fällt sie auf wie eine Laterne.

Am Millerntor wartet schon ihre Touristengruppe. Was unterscheidet Eves Tour von anderen? „Ich will den Frauen und den Männern die Angst vor St. Pauli nehmen“, sagt sie, „vor dem Milieu, dem Schmutz oder der Gewalt. Die gibt es hier natürlich, aber ich möchte vermitteln, dass St. Pauli auch ein Dorf ist, wo man sich kennt und wo man sicher ist. Vor allem will ich den Leuten nahebringen, etwas weitwinkliger über Sex nachzudenken.“

Das geht schon los auf dem Spielbudenplatz: Eve zeigt ihren Schützlingen eine Fingerkralle (SM: zieht man auf den Finger, um zu kratzen) und einen Anal-Plug. Großes Erstaunen. „Das bekommt ihr in der Boutique Bizarre, da könnt ihr euch auch beraten lassen“, erklärt Eve. Sie erzählt von der alten Seeleute-Tradition auf dem Kiez, dass sie selbst Tochter eines polnischen Seemanns ist.

Zwischen Davidwache und dem Box-Keller der „Ritze“ werden die Besucher aus Stuttgart, Magedeburg und Verden immer zutraulicher. Im „Silbersack“, erzählt Eve, hat ihr mal Ben Becker – „breit wie ne Landebahn“ – die Schuhe vollgekotzt. Mit blanken Augen gucken die Gäste zu ihr auf wie zu einer hünenhaften, erotomanischen slawischen Elfe.

Kiezführung: Eve erklärt Touristen den weitwinkligeren Blick auf Sex

Kiezführung: Eve erklärt Touristen den weitwinkligeren Blick auf Sex

Ihre Eltern hätten sie immer unterstützt, sagt sie. Geboren und aufgewachsen ist sie in Bremen, wollte nach dem Abi aber nicht studieren, sondern „immer schon auf die Bühne“. An Schauspielschulen sagte man ihr, wegen ihrer Größe und ihrer Art sei das Rollenspektrum nur schmal. Burlesque lässt ihr mehr Freiheiten. Ihre Rollen hat sie alle selbst einstudiert. „Man hat eine Idee. Es fängt vielleicht mit einem Paar Schuhe an oder einem Hütchen, einem Accessoir; oder einer Alltagssituation. Auf die besoffene Matrosen bin ich gekommen, weil mein Vater zur See gefahren ist und ich viele Matrosen auf Landgang gesehen habe. Oder es ist ein Song, bei der Matrosin ‚Trouble‘ von Elvis. Da baut man alles drumrum, die Geschichte, Kostüm, Bewegungen.“

DSC_0027Und wie zum Teufel lernt man, auf 15 Zentimeter hohen High Heels eine besoffene Matrosin zu spielen, ohne lang hinzuschlagen? Wir haben es geahnt: „Das muss man üben. Vor allem musst du das durchhalten, das ist ja richtig schmerzhaft. Du musst die Bewegungsabläufe so oft wiederholen, bis du ein Gefühl für den eigenen Körper hast. Und wenn man dann torkelnd auf High Heels auf so einer kleinen Bühne herumläuft, muss man sich unheimlich konzentrieren.“ Trotzdem ist schon alles mögliche passiert – hinfallen, umknicken, ausrutschen, was bei der besoffenen Matrosin nicht so schlimm ist. „Aber wer fallen kann, tut sich nicht weh.“

Wie befestigt man eigentlich die Pailettendeckel an den Nippeln? Jetzt wird’s fachlich (schön, dass man in so einem Blog auch etwas Bildung vermitteln kann): Ohne Troddeln heißen sie Pasties, mit Troddeln sind es „Nipple Tassels“ (Tassel: Klunker, Quaste), und wenn die Troddeln herumschwingen, ist der Fachbegriff „Tassel Trill“. „Zum Dranmachen hat jede ihr eigenes Rezept“, sagt Eve, „manche nehmen Mastix, das Maskenbildner auch für künstliche Nasen benutzen. Ich mach es lieber mit Toupet-Klebeband, da kann ich auch Flüssigkeit drüberschütten.“ Andere Kolleginnen nehmen sogar Teppichkleber. (Das gehört in die Sparte „Don’t try this at home“).

Was Show-Gästen und Kieztouristen verborgen bleibt, ist die ungeheure Disziplin, die zum Alltag der Burlesque-Performerin gehört. Um sich fit zu halten, geht Eve mehrmals in der Woche schwimmen. Mit ihrem Freund (Polizeibeamter in Bremen) macht sie seit Jahren Trekking-Touren.

„Ich bin eben keine romantische Person im klassischen Sinn mit Rosen und so. Ich hab den höchsten Berg Deutschlands und Marokkos bestiegen, und dann guckt man sich zusammen den Sonnenaufgang an – das ist für mich Romantik.“ In Thailand hat sie jetzt ihren Tauchschein gemacht. „Meine Erwachsenenträume hab ich alle erfüllt“, sagt sie, „jetzt kommen meine Kindheitsträume dran. Gerade war ich mit einem Kumpel in Disneyland Paris.“

So sehr ihr das Leben mit Burlesque gefällt, weil es sich für sie „richtig“ anfühlt, so klarsichtig denkt sie auch an die Zukunft. „Mach was Vernünftiges, haben meine Eltern gesagt, und ich dachte: Mit spätestens 25 muss ich eine Ausbildung anfangen.“ Die hat sie 2012 abgeschlossen: als Hotelfachfrau und professionelle Barmixerin. Nach zweieinhalb Jahren Lehrzeit im „east“ legte sie die Prüfung ab – „sechzig Cocktails auswendig lernen, Servieren, Deko und alles.“ Jetzt könnte sie sich jederzeit als gelernte Hotelfachfrau bewerben.

Das muss aber noch warten. Andere Frauen um die 30 kämpfen mit Excel-Tabellen, Power-Point-Präsentationen oder Druckern.Womit kämpft eine Burlesque-Tänzerin? „Mit Make-up, das halten soll. Mit High Heels in Größe 42, finde die mal in normalen Läden! Und 300-Euro-Schuhe krieg ich genauso schnell kaputt wie 30-Euro-Schuhe. Ich kämpfe mit Intoleranz von Leuten, die aus eingefahrenen Sichtweisen nicht rauskommen. Mich nervt auch, wenn Leute dauernd SMS tippen, so ohne Gefühl und Körpersprache. So will ich nicht kommunizieren, ich bin da eher analog.“

Showtime

Showtime

Eve kann rülpsen, dass mans bis Neumünster hört. Was das betrifft, herrscht auf St. Pauli wirklich große Freiheit. „St. Pauli ist wie eine Kerze, die von zwei Enden brennt und sich verschlingt“, findet Eve. „Ich mag die Gemeinschaft und den Zusammenhalt, ich fühle mich sicher. Du könntest nackt und besoffen über die Reeperbahn kriechen und wüsstest, dass dich ein Hells Angel, ein Obdachloser und zwei Türsteher auffangen und eine Kollegin vielleicht noch deine Haare hält.“

Ja klar, hier sieht natürlich auch jeder das Elend und das Eklige. Aber das findet Eve gerade gut: „Es führt mir vor Augen, wie schnell alles vorbei sein kann. Elend und Aufstieg sind hier so nahe beieinander.“ Genauso wie High Heels und löchrige Turnschuhe, Pailletten und Fetzen, Wasser und Champagner. Aufs Land ziehen? Nicht mit Eve. „Ich bin halt etwas größenwahnsinnig. Und da muss ich mir auch die Realität vor Augen führen.“

Wenn ihr Eve auf der Bühne sehen oder eine Kieztour mit ihr buchen wollte, findet ihr hier alle Infos und Termine. Außerdem findet ihr Eve auf Facebook.

 

Kommentare


  1. Sehr cooler Bericht! Wir waren Anfang Juni in Hamburg und haben extra einen Tag verlängert, um Eve und Co. in Olivias Show Club sehen zu können. Hat sich definitiv gelohnt, eine klasse Frau 🙂
    Über unsere Begegnung schreibe ich auch in meinem Blog, klickt doch mal rein 🙂
    Viele Grüße und ein „Servus“ aus Niederbayern 😉

  2. Pingback: Am 24. startet unser Weihnachtsvideo!

  3. Pingback: Cocktails schmecken auch mit Gleitgel

  4. Pingback: Santa Pauli: "Eve, lass die Glocken läuten" - St.Pauli-News

  5. Pingback: Droht das große Clubsterben auf dem Kiez? - St.Pauli-News

  6. Pingback: Was wird aus dem Queen Calavera?

  7. Pingback: Halbmarathon: Eve Champagne läuft mit Blindem

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz