Rotlicht / Mittwoch, 03.02.2016

Die Mutter aller Hurentouren

 
 

Nirgendwo erfährt man mehr über die Prostitution auf St. Pauli als bei der Historischen Hurentour. Erfunden hat sie Gerritje Deterding – ein Interview.

Gerritje Deterding

Gerritje Deterding

Auf St. Pauli ist sie schon ein bekanntes Gesicht. Seit 1985 ist Gerritje Deterding als ausgebildete Stadtführerin auch auf dem Kiez unterwegs, 2004 startete sie zusammen mit Nachtwächter Enzo die ersten Kiezführungen. Und hatte eine zündende Idee: Hier fehlte eine Tour, die Einheimischen und Touristen die Geschichte der Prostitution nahebringt – vor Ort.

Inzwischen ist die Historische Hurentour eine der bestgebuchten auf St. Pauli. Die Führerinnen in roten Flügelkappen, roten Umhängen und gelben Röcken (das waren früher die „Schandfarben“) sieht man an jedem Wochenende um die Häuser ziehen. Gerritje Deterding kennt den Kiez auch deshalb so gut, weil sie von 1989 bis 1993 war Geschäftsführerin der IG St. Pauli war. Sie kennt die Geschichten unzähliger Gastronomiebetriebe, Bordelle und Clubs und weiß, welche Familien dahinter stehen. Zeit für ein Interview.

St. Pauli Blog: Wie bist du eigentlich auf die Idee zur Historischen Hurentour gekommen?
Gerritje Deterding: Die Idee entstand 2004, als ich in London an einer Tour auf den Spuren von Jack the Ripper teilgenommen habe. Der Guide kam aus der Theaterszene und hat das sehr gut gemacht. Ich dachte: Man müsste doch auch mal die Prostitution zum Thema einer Stadtführung machen. Dass es dann so schnell dazu kam, lag daran, dass mich ein großer Hund umgerannt hat und dass ich mit einem komplizierten Bruch längere Zeit im Krankenhaus liegen musste. Im Krankenbett hab ich dann das Konzept zu der Tour geschrieben. Im August 2004 ging es los.

Du warst mit der Tour eine Pionierin. Gab es auch Zweifel?
Deterding: Mein Mann hat zuerst gesagt, das kannst du nicht machen, das finden viele Leute bestimmt anstößig. Aber ich finde, die Guides können in einer seriösen, informativen Führung über alles reden, also auch über Prostitution, Sexpraktiken oder Hilfsmittel. Viele Kollegen in Köln oder Berlin fanden die Idee auch sehr gut. Aber dort geht das nicht. Du brauchst das Umfeld mit sichtbarer Prostitution wie auf St. Pauli, damit die Leute auch etwas zu gucken haben. Wir sind in der Großen Freiheit in die Sexshops reingegangen, wir können sehen, wenn gegenüber der Davidwache abends die Mädchen aufziehen und so weiter.

Und ihr besichtigt während der Tour auch eine typische „Steige“, in die Mädchen mit ihren Freiern gehen.
Deterding: Ja, das ist aber eine Demonstrationssteige, die wir eingerichtet haben wie eine echte. Wir haben dafür sogar von Frauen aus der Herbertstraße ein paar Möbel und Gegenstände bekommen.

Bei der Hurentour wird auch diese Steige besucht

Blick in die „Steige“, die bei der Hurentour gezeigt wird

Wie war die Reaktion auf dem Kiez auf eure Tour?
Deterding: Ich kenne St. Pauli sehr gut und hatte hier gute Kontakte, die im Milieu rumgefragt haben, was bei der Tour geht und was nicht. Wir können zum Beispiel nicht in die Herbertstraße reingehen und warnen die weiblichen Gäste auch, das zu tun. Am Anfang sind ein paar von den Jungs (die Jungs, die an der Prostitution mitverdienen, die Red.) mitgelaufen und wollten hören, was wir sagen. Aber die fanden es das dann ok, und es ist ja auch nicht schlecht fürs Geschäft.

Was haben die Prostituierten selbst dazu gesagt?
Deterding: Mit den Mädchen, die an der Davidwache und am Hans-Albers-Platz stehen, haben wir ein gutes Verhältnis. Jedes Jahr zu Weihnachten verteilen wir an sie ein kleines Geschenk. Viele haben mit Informationen weitergeholfen. Es geht uns bei der Tour um Respekt vor den Prostituierten, davon haben sie selbst ja auch etwas. Man darf sie nur nicht nerven. Eine hielt mich mal an und fragte, weit wann es eigentlich Kondome gibt. Sie war sehr überrascht, als ich erzählte, dass es die schon vor 2000 Jahren gab. Im 16. Jahrhundert etwa hat man Leinenbeutelchen mit einer kleinen Kordel über „das beste Stück“ gebunden, die mit saurer Milch getränkt auch gegen Geschlechtskrankheiten helfen sollten.

St. Pauli Kiez Reeperbahn; historische Hurentour mit Rahab ; Treffpunkt und Beginn der Tour ist die Davidwache; Magazin, I. Jung

Historische Hurentour mit Rahab. Treffpunkt ist die Davidwache

Gibt es auch Dinge, über die ihr nicht reden könnt?
Deterding: Ja, ich kann und will nicht alles erzählen. Oft kommt von Gästen die Frage, was ein Zuhälter verdient. Wir sagen dann, zwischen 0 und 100 Prozent. Das ist im Bereich der Prostitution sehr unterschiedlich. Konkrete Zahlen würden wenig weiterhelfen. Eine Wirtschafterin hat mal gesagt, wenn ihr eine Tour über Kaffee machen würdet, würdest du doch auch nicht erzählen, was der Röster verdient und der Einzelhändler.

War der Kiez damals anders, als du mit der Hurentour begonnen hast?
Deterding: Vor 15 Jahren war der Kiez noch gar nicht so gefragt. Keiner hätte hier eine Führung gebucht. Aber als Enzo und ich anfingen, war die Zeit reif und Deutschland nicht mehr so prüde. Die Leute wurden neugieriger. Später tauchte Olivia auf und sah, dass mit solchen Führungen Geld zu verdienen ist. Mit ihren Comedy-live-Führungen hat sie auch noch ein anderes Publikum angezogen.

Die Prostitution auf St. Pauli ist seit den 60er Jahren immer weiter zurückgegangen. Anfang der 70er gabs noch 1700 Prostituierte, heute sind es zwischen 300 und 400.
Deterding: Der Rückgang lag zuerst an der Umstellung der Frachtschiffe auf Container ab 1966, die Liegezeiten im Hafen wurden immer kürzer und die Seeleute hatten kaum noch Zeit für den Landgang. Dazu kam die Konkurrenz durch das TV-Abendprogramm und die Videorekorder. Und die Reeperbahn machte immer wieder Negativ-Schlagzeilen wegen Nepp. Die Folge war, dass die Hamburger gar nicht mehr auf den Kiez gingen. Die Jungmühle, das Hippodrom, der Kaiserkeller, das waren ja Tanzlokale gewesen, in die auch die ganz normalen Hamburger gingen. Die blieben jetzt weg.

Über das Schmuddel-Image von St. Pauli hat Helmut Schmidt behauptet: „Da gehen die Hamburger nicht hin.“ Von wem haben dann aber die Bordelle, Sex-Bars, das Eros-Center gelebt? Doch nicht allein von Auswärtigen.
Deterding: Damals gab es ja auch viel mehr Sex-Clubs, zum Beispiel das Tabu, Tanja, Safari, Kolibri. Die haben alle nacheinander zugemacht – auch das Salambo musste schließen, nachdem man dort mal eine Handgranate im Schreibtisch gefunden hat -, und das hat in der Großen Freiheit einen Bruch bewirkt. Erst viel später kamen die Travestielokale von Olivia und die Feier-Bierbars.

Inzwischen geht es auf dem Kiez gar nicht mehr vorrangig um Prostitution?
Deterding: Stimmt, der Kiez hat sich sehr verändert. Inzwischen bietet vor allem das Internet der Prostitution Paroli. Darüber klagen die Huren am meisten. Man kann sich Pornofilme schon als App aufs Handy laden.

Wie würdest du das Amüsierviertel St. Pauli heute beschreiben?
Deterding: Die Leute kommen, um sich die Kante zu geben, um Hemmungen fallen zu lassen. Das Alter ist gesunken, die Partygirls sind teilweise mehr aufgebrezelt als die Huren. Das führt natürlich auch zu Spannungen. Auch die Betriebe haben sich geändert: Viele inhabergeführte Betriebe sind an Investoren oder Erbengemeinschaften übergegangen, die Geld sehen wollen und an die Meistbietenden vermieten. Das sind aber oft nicht die Besten für den Kiez. Die Mieten können teilweise nur mit Nepp erwirtschaftet werden. Wir haben immer mehr Kioske und 99-Cent-Läden bekommen. Auf der anderen Seite ist St. Pauli aber immer noch attraktiv. Wir haben hier auch viele gut geführte Lokale, in denen man sich wohlfühlt und gepflegt feiern kann.

Sex Club an der Reeperbahn: Der Kiez soll animieren - aber gleichzeitig auch für Frauen sicher sein

Sex Club an der Reeperbahn: Der Kiez soll animieren – aber gleichzeitig auch für Frauen sicher sein

Wie will man eigentlich ein Amüsierviertel für Besucherinnen „sicherer“ machen, das optisch zu nichts anderem auffordert, als Frauen zu begrapschen?
Deterding: St. Pauli war immer schon Amüsierviertel, Touristen sind immer mit einem gewissen Kribbeln hergekommen. Und den Spagat gab es auch immer schon: Es muss anrüchig sein, soll aber auch sicher sein. Belästigungen hat es auch immer schon gegeben. Bisher war meistens von Briten, Skandinaviern und Deutschen die Rede, die sich nicht benehmen können. Der Alkohol ist zu billig, die Jugend staut sich auf der Großen Freiheit. Und wo Massenaufläufe sind, gibt’s es Probleme.

(Fotos: Jung, Laible, gd-incentives)

Historische Hurentour: Donnerstag, Freitag und Samstag um 20 Uhr, Treffpunkt vor der Davidwache; Tickets hier, Auskünfte: Tel. 04163 / 868 03 – 0

 

Kommentare


  1. Ein paar Sachen am Bericht stimmen nicht. Wenn man überall im Netz schaut ist laut den Gästebewertungen die Hurentour nicht grade die Beste und Meistgebuchte.
    Der nächste Punkt ist dass es diese Kleidung der Huren zwar gab, aber so wie auf der Hurentour hat es sie hier in Hamburg nicht gegeben, da hat die Chefin anscheinend falsch recherchiert oder zugunsten der lustigen Verkleidung einfach etwas aus einer anderen Region übernommen.

    Ich selbst habe schon einige Touren mitgemacht, nicht auf St.Pauli, auch in der Innen- und Speicherstadt.
    So Leid es mir tut, aber die Hurentour hat mir, wie vielen Anderen auch, wenig Neues präsentiert und vermitteln können, da hab ich schon interessantere Touren miterlebt.
    Dieser Eindruck ist natürlich rein subjektiv und beruht auf meinen persönlichen Erfahrungen, aber für mich war es leider etwas enttäuschend vor allem bei dem Preis.

  2. Naja, die Hurentour ist nicht so der Hit. Hab die mal gebucht als Verwandtschaft von meinem Mann da war.
    Vom Hocker gerissen hat uns das ehrlich gesagt nicht…

  3. Diese ganzen Touren, egal welche, nerven uns Anwohner doch nur noch in dem sie omnipräsent unser Viertel an die Touristen verramschen. Permanent stehen sie mit ihren Gruppen vor meinem Hauseingang, will ich durch wird ich blöd angekuckt, hab ich im Sommer das Fenster auf kipp, muss ich mir die Geschichten zum tausendsten mal anhören…Manche von den Tourenguides laufen inzwischen sogar mit Lautsprechern rum, da sie ihre locker 30 Mann starke Gruppe sonst nicht mehr beschallen können…Es nervt einfach nur!!!

    • @genervter anwohner… erst mal werden viel dieser touren von anwohnerinnen und anwohnern gemacht…. es sind also oftmals die eigenen leute aus deinem viertel die sich damit ihr selbstbestimmtes leben ermöglichen… dabei versuchen durchaus auch viele rücksicht auf die nachbarscahft zu nehmen (kleinere gruppen, keine lautsprecher usw. oder wenig wohngebiet), schwarze schafe gibts natürlich immer…. aber nur weil’s dir nicht gefällt, heisst das nicht dass die touren nicht sein dürfen… st. pauli war immer auch vergnügungsviertel, unterhaltung jeglicher art, gern auch schrill und etwas lauter und wenn dir das nicht zusagt ist das vielleicht einfach nicht der richtige stadtteil für dich

      • Was für ein Quatsch, die meisten dieser Tourguides sind nicht von hier, die geben das vor ihren Gästen aber vor.
        Nicht mal die meisten Veranstalter sind von hier, hast du dir die Internetseiten von denen mal angeschaut?

        • ist kein Quatsch… vielleicht sind die Veranstalter nicht alle hier „geboren“ (wie die meisten die hier heute leben) aber mir fallen spontan schon mal 3-4 größere Anbieter ein, wo die Beteiligten bzw. diverse Guides auch hier wohnen oder es zumindest lange getan haben, also nicht den Vorwurf bekommen können, dass sie „von außen“ nur herkommen um Geld zu machen

          • @Lincoln meinte, das die „meisten“ Anbieter nicht von hier sind! Volle Zustimmung! Da sind sehr seriöse Typen dabei! Eine Teilnehmerin berichtete mal, dass so ein „Führer“ einer mit rauer Stimme, ehemaliger Geldeintreiber, sie persönlich „beeindruckt“ hat. Nachdem er die Gruppe zunächst 20 Minuten warten ließ, trat er aus dem Tivoli um der staunenden Gästeschar zu offenbaren, dass er eben einen „abgeschüttelt“ habe!

      • Ihre letzten Zeilen sind Quatsch! Kann es sein, dass es Menschen gibt, die schon Jahrzehnte im Viertel leben? Damals gab es noch keine überbordete, nervige, St.Pauli Rundgänge! Auch keine Harley Days usw. So etwas kann kein Mensch voraus sehen!!! Man hat sich also den falschen Stadtteil ausgesucht? Hallo! Morgen zieht man um und nach 2 Jahren kommt eine Sportarena nebenan? Wieder falschen Stadtteil ausgesucht? Erst denken, dann posten!

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