Blaulicht / Samstag, 09.01.2016

Polizei zeigt verstärkte Präsenz auf dem Kiez

 
 

Mannschaftswagen am Beatlesplatz, Reiterstaffel und Video-Teams unterwegs. CDU macht Stimmung, und geplante Kundgebung sorgt für Irritation.

Das hat man auf St. Pauli lange nicht gehört: nächtliches Hufgeklapper in den Nebenstraßen. Die Polizei hat ihre Präsenz auf dem Kiez zum Wochenende deutlich verstärkt. Dazu gehört eine Reiterstaffel, die u.a. auch in St. Pauli Süd unterwegs ist. Am Beatlesplatz sind gleich mehrere Mannschaftswagen aufgestellt. Immer wieder patroullieren Polizei-Teams durch die Große Freiheit.

Wie ein Polizeisprecher sagte, sind auch Wagen mit Videokameras sowie zwei Video-Teams mit Bodykameras der Polizei im Einsatz. Die sogenannten Bodycams waren 2015 vorgestellt worden und sollten zunächst als Pilotprojekt bis Ende 2016 auf St. Pauli im Einsatz sein. In der Silvesternacht waren Bodycams allerdings nicht im Einsatz, sagte Polizeisprecher Holger Vehren. Warum nicht, ist nicht bekannt.

Polizeikontrolle am Freitag Abend (Foto: Daniel Schäfer)

Polizeikontrolle am Freitag Abend (Foto: Daniel Schäfer)

Laut Polizei herrschte in der Nacht auf Sonnabend eine „normale“ Kiezlage. Insgesamt 275 Personen wurden überprüft, 21 Aufenthaltsverbote ausgesprochen, zwei Personen wurden in Gewahrsam und drei vorläufig festgenommen. Außerdem wurden 32 Strafanzeigen gestellt – unter anderem wegen Raubes, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung/ bzw. gefährliche Körperverletzung.

Strafanzeigen: Polizei frage jetzt genauer nach

Nach Angaben von Polizeigewerkschaftern werden die Ermittler jetzt von Hinweisen und privaten Videoaufnahmen vom Geschehen auf St. Pauli und an der Binnenalster überhäuft. Es gehe nun darum, die Spreu vom Weizen zu trennen, sagte Joachim Lenders, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), dem „Focus“. Dass man sich auf die Auswertung privater Videoaufnahmen stützen müsse, sei ein „Armutszeugnis“ für die Polizei, sagte der Landesvorsitzende Jan Reinecke. Es wäre ein Riesenzufall, wenn die Ermittler über diesen Weg an Tatverdächtige herankämen, meinte er.

Bis zum 8.1. sind bei der Polizei 108 Strafanzeigen von Frauen wegen sexueller Übergriffe eingegangen. In den meisten Fällen gehe es um sexuelle Übergriffe, um Raub und Diebstahl. Tatort sei in den meisten Fällen die Große Freiheit gewesen. Allein am Donnerstag waren 70 Vorfälle gemeldet worden. Den erneuten Anstieg am Freitag erkläre der Polizeisprecher mit der größeren Aufmerksamkeit der Beamten. Wenn Frauen einen Raub oder Diebstahl anzeigten, würden die Polizisten inzwischen konkreter nachfragen.

CDU macht Stimmung

Die CDU wirft Innensenator Michael Neumann (SPD) vor, die Sicherheitslage nicht im Griff zu haben. „Durch seine verfehlte Sicherheitspolitik ist Innensenator Neumann mitverantwortlich für die Vorkommnisse der Silvesternacht“, sagt Dennis Gladiator, innenpolitischer Sprecher der CDU in der Bürgerschaft. Er behauptet außerdem: „Seit Monaten ist der Polizei das Problem sexueller Belästigungen durch männliche Migrantengruppen auf St. Pauli und am Jungfernstieg bekannt.“

Das widerspricht nun einer aktuellen Recherche des St. Pauli Blogs am Freitag. Dass Besucherinnen in so massierter Form und von ganzen Männergruppen sexuell belästigt wurden wie zu Silvester, ist nach Aussagen von Kiez-Insidern neu und überraschend gewesen.

Was ist „normal“ auf dem Kiez und was war Silvester neu?

 

Sonnabend, kurz vor zwölf Uhr nachts: Gerade kehrte ein Polizei-Team von einem Streifengang auf der Großen Freiheit zum Beatlesplatz zurück, ein dunkelhäutiger junger Mann muss seine Personalien angeben. Drei Mannschaftswagen stehen am Beatlesplatz. (Foto: Jung)

Sonnabend, kurz vor zwölf Uhr nachts: Gerade kehrte ein Polizei-Team von einem Streifengang auf der Großen Freiheit zum Beatlesplatz zurück, ein dunkelhäutiger junger Mann muss seine Personalien angeben. Drei Mannschaftswagen stehen am Beatlesplatz. (Foto: Jung)

Jeder weiß, dass St. Pauli kein sexismusfreier Raum ist. Tänzerinnen, Kellnerinnen und weibliche Tresenkräfte sind quasi darauf gefasst, sich auf dem Weg zur oder von der Arbeit sexistische Sprüche anhören zu müssen oder an den Po gefasst zu werden. Und zwar von Männern unterschiedlichster Herkunft – im Suff sind Besucher aus Bayern da nicht anders als Briten, Asiaten und andere. „Auch das ‚Antanzen‘ auf dem Kiez ist uralt“, sagt Drag-Queen Veuve noire. Dass aber ganze Männer-Rudel Frauen bedrängten und sexuell angriffen, sei neu.

Das bestätigten mehrere befragte Clubbetreiber. „So etwas ist uns vorher nicht bekannt gewesen“, sagt etwa Geschäftsführer Christian Fong (u.a. Dollhouse, Shooters, Safari Bierdorf). In der Silvesternacht habe einer der Türsteher vom Dollhouse einen jungen Mann und zwei Mädchen eingelassen, die sich in Sicherheit bringen wollten. „Die Mädchen haben geweint, aber von einem sexuellen Übergriff wussten wir nichts. Der Türsteher hat sie dann durch den Hintereingang rausgelassen, damit sie die Reeperbahn verlassen konnten,“ sagt Fong. Möglicherweise könnten solche Erlebnisse abschreckend wirken. „Bisher hatten wir aber keine Stornierungen und auch keine Anrufe oder Mails, ob es noch sicher sei auf dem Kiez.“

„Wir haben uns nach Silvester noch mal in unserem Team umgehört“, sagt Thomas Reiche von Scoopcom (Olivia’s Show Club und -Bar, Wilde Jungs). „Drinnen war die Stimmung zu Silvester eigentlich wie immer, was aber auch an unserer Zielgruppe liegt.“ Im Hinterhof vor dem Show Club habe man draußen sitzen können und es sei ruhig gewesen. „Ob durch die Vorfälle jetzt in den nächsten Monaten weniger Menschen nach St. Pauli kommen, kann ich nicht sagen. Unsere Buchungszahlen sind bislang normal und nicht rückläufig.“

„Bei uns kam in der Silvesternacht ein Mädchen rein und sagte, sie sei bestohlen worden. Sie hat aber nichts von sexueller Belästigung gesagt“, sagt ein Kioskbesitzer an der Reeperbahn. „Ich kann verstehen, warum sich viele auch erstmal schämen, darüber zu reden, wenn es ihnen passiert ist. Aber von dieser Rudel-Masche habe ich bisher nichts gehört, auch von meinen Kolleginnen nicht.“

Kein Zweifel: Die Vorfälle der Silvesternacht haben den Kiez sensibilisiert. Für die Clubs ist klar, dass sie ihre Türen auch künftig für Notfälle öffnen. „Allgemein und im Speziellen für Frauen, die sich in einer Notlage befinden, gilt bei uns sowieso die ‚Politik der freundlichen Tür’“, sagt Reiche: „Wer bedrängt wird, kann sich jederzeit an unser Personal wenden und dann z.B. drinnen abwarten oder Hilfe rufen.“ Das gelte auch für viele andere Betreiber auf dem Kiez, sagt Benjamin Steinicke (Große Freiheit 36): „Ich kenne keinen Kollegen oder Türsteher, die anders verfahren würden. Das ist auf dem Kiez eigentlich normal, dass man sich gegenseitig und anderen hilft.“

Irritation zur geplanten Kundgebung auf dem Kiez

Die für Sonntag angekündigte Kundgebung „Wir sind kein Freiwild! Finger weg!“ auf dem  Spielbudenplatz vor dem Panoptikum wirft indessen Fragen auf. Die Initiatorin hatte heute (Sonnabend) nachmittag angesichts der eingehenden Posts klargestellt „Rechte und linke Parolen sind nicht zugelassen“. Nach irritierten Nachfragen heißt es dort inzwischen:  „Wir wollen friedlich unsere Botschaft rüberbringen. Das mag naiv klingen. Störenfriede werden entfernt. (Egal aus welcher Richtung sie kommen)“.

Für Irritation sorgte allerdings auch, dass einer der Ordner auf seiner Facebookseite eindeutig rechte Einträge hat. Er hatte sich auf einen offenen (!) Aufruf („Wir brauchen noch 2 Ordner“) gemeldet. Befürchtungen, dass sich hier auch Pegida-Fans sammeln könnten, entgegnete die Initiatorin inzwischen: „Es geht bei der Demo um sexuelle Gewalt an Frauen. Um nix anderes. Wer dort gegen Flüchtlinge demonstrieren will ist bei der falschen Veranstaltung.“

 

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