Blaulicht / Montag, 11.01.2016

Party-Wochenende unter Polizeischutz

 
 

Mit einem Großaufgebot versucht die Polizei, das Vertrauen in die Sicherheit auf dem Kiez zurückzugewinnen. Dennoch gibt es Fälle von Belästigung.

Von Daniel Schaefer und Antonia Thiele

Johlend stellen sich neben das blaue Schild mit der Aufschrift „Davidwache“ und halten die zwei zum Victory-Zeichen gespreizten Finger in die Kamera ihres Smartphones. Laut lachend ziehen sie weiter die Reeperbahn entlang. Doch nur wenige Minuten später ist den Männern das Lachen vergangen: Sechs Beamte der Bereitschaftspolizei haben die vier am Beatles-Platz umkreist und leuchten mit Taschenlampen in die Gesichter der Männer, die nicht so recht zu verstehen scheinen, was gerade mit ihnen passiert.

Eine Woche nach Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe auf junge Frauen in der Silvesternacht, demonstriert die Polizei auf St. Pauli Härte und Entschlossenheit. So viele Polizisten wie an diesem Wochenende kennt man auf dem Kiez sonst nur, wenn der HSV und St. Pauli im Derby gegeneinander spielen oder der 1. Mai mal wieder vor der Tür steht. Jeweils mehr als 120 Polizisten sind Freitag- und Sonnabendnacht auf der Reeperbahn, der Großen Freiheit und Umgebung unterwegs, einige von ihnen ausgestattet mit sogenannten Bodycams.

Polizei Kontrolle nach Übergriffen

Die Polizei kontrolliert zwei Männer am Beatles-Platz (Foto: Schaefer)

An jeder Ecke auf parken Mannschaftsbusse, Beamte der Reiterstaffel traben auf ihren Pferden über die Reeperbahn, während ihre Kollegen zu Fuß in kleinen Gruppen in den Straßen patrouillieren und dabei immer wieder „verdächtige Personen und Gruppen“ überprüfen. Verdächtig ist in diesen Tagen für die Polizei schon, wer einen vermutlich „arabischen oder nordafrikanischen Hintergrund“ hat. Ob berechtigt oder nicht, die Warnung an die Überprüften ist deutlich: Wir haben euch im Auge.

Am frühen Sonntagmorgen machen sich auch Innensenator Michael Neumann (SPD) und Polizeipräsident Ralf Martin Meyer ein Bild von der Einsatzlage auf dem Kiez. „Wir wollen deutlich machen, dass man auf St. Pauli sicher feiern kann”, sagt Meyer zu der erhöhten Polizeipräsenz. Nun gehe es darum, möglichen Übergriffen präventiv entgegenzuwirken. Darüber hinaus seien auch zahlreiche Zivilfahnder im Einsatz, die im Hintergrund Erkenntnisse über mögliche Täter sammeln sollen. Er sei optimistisch, dass einige Fälle der Silvesternacht noch aufgeklärt werden könnten, so der Polizeipräsident.

Bisher ist das nicht der Fall. 133 Anzeigen gingen bis zum Sonntag bei der Polizei ein, in den meisten Fällen wurden Frauen im Bereich der Großen Freiheit belästigt, in einigen auch am Jungfernstieg.

Neumann und Meyer Kiezvisite

Innensenator Michael Neumann (SPD) und Polizeipräsident Ralf Martin Meyer auf der Großen Freiheit (Foto: Schaefer)

Trotz der Beteuerungen des Polizeichefs, der Kiez sei sicher, sind viele potentielle Kiezgänger an diesem Wochenende offenbar lieber zu Hause geblieben. Zwar ist der Januar generell ein eher besucherarmer Monat, während aber an den meisten Wochenenden dennoch auf der Großen Freiheit dichtes Gedränge herrscht, ist an diesem Abend die viel belächelte „Armlänge Abstand“ kein Problem. Viele Club- und Barbetreiber befürchten bereits, dass die Umsätze nach den Meldungen der letzten Tage deutlich zurückgehen könnten.

„Man merkt schon, dass weniger Besucher kommen als sonst“, sagt etwa Tom Stutzt, Betreiber der „Kiez Alm“. „Es ist gut, dass die Polizei jetzt Präsenz zeigt. Wir müssen den Leuten das Gefühl geben, dass der Kiez sicher ist, dann kommen sie auch wieder.“ Ähnlich äußert sich auch Susi Ritsch, die seit Jahrzehnte mit „Susis Showbar“ auf der Großen Freiheit ansässig ist. „Erst die Schießerei, jetzt auch noch die Übergriffe“, sagt Ritsch und schüttelt den Kopf. „Der Kiez braucht Ruhe und Frieden, sonst kommen die Menschen nicht mehr hierher.“

Barbie Stupid und Lee Jackson

Barbie Stupid und Lee Jackson vor der Olivia Jones Bar (Foto: Jung)

Diejenigen, die die Nacht dennoch auf dem Kiez verbringen, lassen sich die Stimmung aber nicht vermiesen. „Ich fühle mich nach wie vor sicher in Hamburg“, sagt Alisia Ritter, 22. Die gleichaltrige Jessica Entreß wohnt in der Nähe von Stuttgart und ist zu Besuch in Hamburg (Foto). „Angst habe ich nicht. Aber die Stimmung ist schon angespannt: Unsere Eltern machen sich Sorgen und haben gesagt, dass wir aufpassen sollen.“ Auch Travestiestar Lee Jackson von der Olivia Jones Bar beobachtet, dass die Menschen wesentlich verhaltener seien als sonst. „Alle wirken irgendwie angespannt.“ Sie selbst fühle sich aufgrund der hohen Polizeipräsenz jedoch deutlich sicherer. „Wir dürfen uns das Feiern jetzt nicht vermiesen lassen.“

Doch die Erinnerungen an die Silvesternacht sind bei vielen immer noch präsent. 15 bis 20 Frauen hätten bei ihm Schutz gesucht, erzählt ein Türsteher des „Halo“, der von allen auf dem Kiez nur „Erbse“ genannt wird. Mit Mühe und Not habe er die Absperrung seines Clubs noch verteidigen können. „Ich habe direkt zwei Meter vor mir gesehen, wie sie Frauen umringt und versucht haben, ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Wenn die Frauen zu fliehen versuchten, wurden sie brutal zurückgerissen.“ Es sei ihm gelungen, einige der Frauen aus der Menge zu ziehen. „Ich habe sie hinter mich genommen und mit meiner Faust nur noch nach vorne geschlagen“, sagt der hochgewachsene Türmann und zeigt auf seine mächtige rechte Pranke mit den schweren Ringen an den Fingern. „Doch die Männer haben mich gar nicht wahrgenommen. So etwas haben ich in 30 Jahren Tür noch nicht erlebt.“

Die Vorfälle von Silvester kommen jedoch für viele für Kiez-Kenner nicht ganz unerwartet. Ein Türsteher, der an der Großen Freiheit arbeitet, sagt, dass es bereits zu Halloween Übergriffe dieser Art gegeben habe, wenn auch nicht in gleichem Ausmaß. Auch „Kiez Alm“- Betreiber Stutz berichtet ähnliches: „Ich habe bereits Anfang November von Gästen gehört, dass sie auf St. Pauli von Gruppen abgedrängt, begrapscht und auch beklaut wurden.“ Seit drei Wochen lasse er die Promoterinnen nicht mehr allein auf die Straße, habe die Zahl der Türsteher aufgestockt.

Bei der Polizei fragt man sich jedoch, warum niemand die Beamten informiert habe, wenn man doch schon seit langem Bescheid wusste. Tessa Hagedorn, die seit Jahren den Club „Große Freiheit Nr. 7“ betreibt, glaubt, dass viele Betreiber und Türsteher Angst hatten, bei einer solchen Aussage in die rechte Ecke gestellt zu werden. Auch ihr seien die Männer schon in den vergangenen Wochen aufgefallen. „Sie stehen vor den Clubs und warten, bis die betrunkenen Mädchen herauskommen.“ Es sei kein Wunder, dass sich viele junge Frauen derzeit nicht mehr auf den Kiez trauten. „Wenn ich hier nicht arbeiten müsste, würde ich es mir auch überlegen.“

Stimmung auf der Reeperbahn und in der Großen Freiheit. nur wenige Besucher verirren sich an diesem Wochenende auf den Kiez. Polizisten kontrollieren Personengruppen, die sich auffällig verhalten.

Polizisten kontrollieren eine Gruppe junger Männer auf der Großen Freiheit (Foto: Arning)

Die Polizei versucht indessen verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, indem sie immer wieder Gruppen junger Männer überprüft. Allein in der Nacht auf Sonntag werden 197 Personen auf dem Kiez kontrolliert. Doch wie lange kann die Polizei diese Maßnahmen auch personell aufrechterhalten? Eine Frage, die viele Betreiber auf dem Kiez herumtreibt. Sie befürchten, dass sich die Polizei in einigen Wochen schon wieder vom Kiez zurückziehen könnte. „Wir werden das lageabhängig beobachten und dann entscheiden, wie viele Kollegen wir auf St. Pauli einsetzen“, sagt Polizeipräsident Ralf Martin Meyer bei seinem Rundgang.

Doch selbst ein so großes Polizeiaufgebot wie an diesem Wochenende kann Taten nicht vollkommen ausschließen. In der Nacht zu Sonntag werden erneut drei sexuelle Belästigungen von Frauen im Alter von 31 bis 41 Jahren bei der Polizei gemeldet. Die Täter sind flüchtig.

(Aufmacherfoto: Michael Arning)

 

Kommentare


  1. Ausschließlich Menschen zu kontrollieren, die nicht Deutsch aussehen, nennt sich Racial Profiling und ist laut Diskriminierungsverbot nicht erlaubt. Aber da das auch vor der Silversternacht niemanden interessiert hat, wirds eben durchgezogen.

    • Da die Täter aktuell aus diesem Beriech kommen, finde ich das präventive Vorgehen der Polizei absolut richtig. Wenn ein großer, blonder mit blauen Augen eine Bank überfällt wird man sicher auch nur so aussehende Leute kontollieren weil alles andere keinen Sinn macht!

      So weiß die Polizei wenigstens schon mal wer da unterwegs ist.
      Wenigstens macht die Polizei was im Rahmen ihrer engen Möglichkeiten.
      Die Täter laufen doch wie eh und je um den Kiez herum…

      Aber selbst das alles scheint ja die Täter nicht abzuschrecken wenn trotz der massiven Präsenz und der Kontrollen drei sexuelle Belästigungen stattgefunden haben.

      • Ich weiß auch nicht, was diese permanente Einseitigkeit, des St.Pauli Blog`s,die Vergötterung ALLER Zugewanderten soll? Egal was die auch anstellen, das ist alles in Ordnung, Schnauze halten und durch! Einen solchen Fanatismus erlebt man selten! Ich brauche Artikel- oder Antworten der Redaktion gar nicht erst lesen, ich weiß schon vorher was drin steht! NUR und ausnahmlos, keine Kritik an Zugewanderten!

        • Man höre und staune: Es gibt noch mehr als einen Daniel auf dieser Welt. Der Kommentar oben ist nicht von mir.

          Mit freundlichen Grüßen
          Daniel Schaefer

          • Freue mich über die Aufklärung. Hätte und habe mich auch sehr gewundert. Sorry Daniel.

    • @Daniel:
      Diskriminierungsverbot???

      Hier wurden im großen STil von kriminellen Gruppen etliche Frauen mehr als nur diskriminiert, darüber schon mal nachgedacht???

    • Daniel, deine journalistische Neutralität ist in Gefahr, es wäre schade wenn du diese aufgeben würdest! Wenn mehr als Hundert Betroffene die Täter einstimmig als „gegenüber dem Mittelmeer“ beschreiben, dann werden die Ermittler natürlich explizit nach diesen Leuten gucken, sie überprüfen! Ich weiß gar nicht, weshalb dir das nicht gefällt und du dich darüber echauffierst? Sollen die Täter ungeschoren davon kommen, nur weil eventuell „Flüchtlinge“ darunter sein könnten- oder wenigstens Ausländer? Geht es dir so wie Merkel, du hast dich festgelegt und kannst nicht mehr zurück?

  2. Wie kann man eigentlich einen Krankenwagen bei den Menschenmassen durch die enge kleine Grosse Freiheit schicken ? Das ist ja wohl ein Supergau der zugehörigen Sanis und der
    Feuerwehr – Leitstelle Hamburgs.
    Die Sanis sind zu Fuß 1000 mal schneller zur Stelle. Auch beim Menschen raustragen. Man hätte nur ein Wagen vorm Eingang zur großen Freiheit abstellen müssen.

    • sie wollen doch nicht im ernst bei der situation menschen über die ganze straße „raustragen“? das ist absurd. so bietet jedenfalls der wagen noch schutz und zwar auch eigenschutz! wie oft sind auch schon rettungskräfte und feuerwehrleute angegriffen worden.

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  5. Die Polizei in Deutschland ist schon lange überfordert und dies nicht nur in Hamburg, sondern schon in beinahe jeder Kleinstadt in der tiefsten Pampa und jetzt wo mehr Menschen hinzukommen zeigt sich dies natürlich um so deutlicher. Es ist eigentlich logisch, dass je mehr Menschen in einem Land leben bzw. es besuchen oder hinzuziehen, auch – rein mathematisch – die Möglichkeit dann größer wird, dass es welche gibt, die kriminell sind und kriminelles Verhalten an den Tag legen. Es wird immer Menschen -seien sie nun Flüchtlinge, Migranten oder auch einfach Deutsche – die diese Unterpräsenz der Polizei ausnutzen, deshalb sollte vielleicht endlich – auch im Sinne unserer Zuwanderer, die ja größtenteils auch unter der derzeitigen Situation leiden – etwas dafür getan werden, dass die Polizei gestärkt wird und nicht weiter Stellen gestrichen werden. Aber unser Land wirft ja lieber an anderer Stelle das Geld zum Fenster hinaus.

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