Blaulicht / Donnerstag, 17.03.2016

Kriminalität: Wie gefährlich ist St. Pauli? (2)

 
 

Wo viel los ist, ist auch die Kriminalitätsrate höher. Was sagt die Kriminalstatistik über St. Pauli? Folge 2: Sexualstraftaten. 

Nach Silvester war die Irritation groß: Ist St. Pauli ein gefährlicher Stadtteil?, fragen sich vor allem Touristen. An normalen Wochenenden strömen rund 30.000 Besucher auf den Kiez, im Sommer oft 50.000 oder mehr. Solchen Zahlen, die nicht mal die City erreicht, entspricht leider auch eine Ballung in der Kriminalität. Wir wollten es genauer wissen. Deshalb haben wir uns die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2014 und 2015 genauer angeschaut und darüber hinaus gesonderte Informationen von der Davidwache und dem LKA eingeholt. Neben St. Pauli war auch St. Georg als zweites großes Vergnügungsviertel für unsere Frage interessant. Nach Folge 1 geht es diesmal um Sexualstraftaten.

Die meisten Täter von Sexualdelikten kommen aus dem sozialen Nahereich der Opfer

Im Jahr 2015 wurden in Hamburg 145 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen registriert, davon
117 vollendete Vergewaltigungen (= 80,7%) und 28 versuchte. 45 Taten wurden überfallartig von Einzeltätern begangen (= 41 %), in neun Fällen waren es Täter-Gruppen. Von insgesamt 140 weiblichen Opfern waren 30 noch minderjährig oder Kinder. Insgesamt kommen die meisten Täter von Sexualdelikten aus dem sozialen Nahbereich der Opfer (laut PKS 63 Prozent, laut Frauennotruf sogar 70 Prozent).

Leider werden die „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ in der PKS aber nicht auf die einzelnen Stadtteile heruntergerechnet. Selbst auf Ebene der einzelnen Bezirke verschwinden sie in Tabellen zur „Gewaltkriminalität“, in denen viele Deliktgruppen zusammengefasst sind, nämlich auch Mord, Totschlag, Raub, Körperverletzung, Geiselnahme und sogar „Angriffe auf den Luft- und Seeverkehr“. Zwar geht die jährliche PKS bei Deliktgruppen wie Wohnungseinbruch oder Kfz-Diebstahl sehr ausführlich auf die Nationalität und das Alter von Tätergruppen ein. Aber im Vergleich dazu wird die Analyse von Sexualstraftaten ziemlich stiefväterlich analysiert. Die einfache Frage, in welchen Stadtteilen Sexualstraftaten evtl. gehäuft vorkommen, bleibt völlig offen.

Wir wollten wissen: Wie hoch ist die Zahl der Sexualstraftaten auf St. Pauli und in St. Georg? Kommt es im Umfeld der Prostitution zu gehäuften Übergriffen, weil die Hemmschwellen niedriger sind? Eine Frage, die sich nach Silvester viele stellen.

Auf Nachfrage erfuhren wir vom LKA die Zahl der „echten“ Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen:
2014 St. Pauli: 12 Fälle, St. Georg: 5 Fälle
2015 St. Pauli: 5 Fälle, St. Georg: 13 Fälle.
Die jährlichen Fallzahlen in den beiden Vergnügungsvierteln „liegen im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich“, so die Polizeisprecherin.
Zum Vergleich:
2014 Alsterdorf: 0, Billstedt: 8
2015: Alsterdorf: 0, Billstedt: 8

Bei insgesamt 145  Vergewaltigungen in Hamburg (2015, siehe oben) entfallen statistisch 20 auf jeden der sieben Bezirke. Da liegt St. Pauli also nicht in der Spitzengruppe. Auch in St. Georg sind es weniger als der statistische Schnitt.

Allerdings: Bei Sexualdelikten gibt es ein großes Dunkelfeld. Viele werden nie zur Anzeige gebracht – das gilt für alle Stadtteile. Dass nach der Silvesternacht 243 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe durch Unbekannte auf St. Pauli eingingen, ist ein bisher einmaliges Phänomen. Diese Zahlen sind in der PKS 2015 noch nicht enthalten.

St. Pauli und St. Georg: Die meisten „Sexualstraftaten“ sind Verstöße gegen das Prostitutionsverbot

Auf unsere Nachfrage erhielten wir vom Landeskriminalamt die Statistiken „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ für St. Pauli und St. Georg. Deren absolute Fallzahlen von 2005 bis 2014 sind allerdings erklärungsbedürftig, erläuterte Tanja von der Ahé.

Zum Sperrgebiet gehört auch der Hans-Albers-Platz; Zwischen 20 Uhr und 6 Uhr ist das Prostitutionsverbot ausgesetzt

Hans-Albers-Platz Ecke Friedrichstraße: Zwischen 20 Uhr und 6 Uhr dürfen hier Sexarbeiterinnen stehen

Denn sowohl auf St. Pauli gilt eine Sperrgebietsverordnung („Verordnung über das Verbot der Prostitution“ vom Oktober 1980). Bekanntlich gilt sie in dem Gebiet zwischen Davidstraße, Erichstraße, Balduinstraße und Reeperbahn und wird nur zwischen 20 Uhr abends und sechs Uhr morgens ausgesetzt, im Bereich der Großen Elbstraße zwischen 20 Uhr und 4 Uhr. Vom Verbot ganz ausgenommen ist nur die Herbertstraße. Bei Verstößen gegen diese Verordnung fallen also Straftaten an, die es in anderen Stadtteilen mangels Sperrbezirk gar nicht gibt. (Quelle: )

Dasselbe gilt für St. Georg, wo es neben der Sperrbezirksverordnung seit 2012 außerdem ein „Kontaktverbot“ gibt („Verordnung über das Verbot der Kontaktaufnahme zu Personen zur Vereinbarung entgeltlicher sexueller Dienstleistungen im Sperrgebiet“). Bei Verstößen gegen die Sperrgebietsverordnung werden vor allem die Sexarbeiterinnen mit Bußgeldern bestraft, das Kontaktverbot belangt neben den Frauen auch Freier.

Straßenstrich in St. Georg, (Foto: dpa)

Straßenstrich in St. Georg (Foto: dpa)

Für die PKS heißt das: Unter „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ werden in beiden Stadtteilen nicht nur klassische Sexualdelikte wie Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erfasst, sondern auch Verstöße gegen die „Ausübung der verbotenen Prostitution“; darunter fallen auch jugendgefährdende Prostitution, die Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger, Ausbeutung von Prostituierten, Zuhälterei und Verbreitung pornografischer Schriften.

Das Überraschende ist: Sowohl auf St. Pauli wie auch in St. Georg sind Verstöße gegen die verbotene Prostitution absolut dominierend gegenüber den „klassischen“ Sexualstraftaten. Ein Beispiel der PKS 2014: Von den insgesamt 585 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in St. Georg entfielen 566 auf Delikte im Zusammenhang mit verbotener Prostitution. „Es ist also nicht so, dass die klassischen Sexualdelikte wie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung in St. Georg zunehmen“, sagt Tanja von der Ahé. Für das hohe Fallzahlniveau seien vielmehr die häufigen Fälle verbotener Prostitution verantwortlich, also Anzeigen gegen Prostituierte.

Tabelle "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" für St. Pauli

Tabelle „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ 2005 bis 2014 für St. Pauli

Auch für St. Pauli sind unter der Obergruppe „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ die Fälle verbotener Prostitution usw. inbegriffen. Zwischen 2005 und 2010 sank die Zahl der Delikte pro Jahr kontinuierlich von 79 auf 64 – aber dann kam 2011 plötzlich eine Steigerung um + 300 Prozent auf 256 Fälle; auch in den Folgejahren blieben die Fallzahlen höher als vorher, bis sie 2014 auf den bisher niedrigsten Stand mit 48 Fällen sanken. Nur 12 davon waren Vergewaltigungen/sexuelle Nötigungen. Ursache der höheren Fallzahlen war allein eine Zunahme von Verstößen gegen das Prostitutionsverbot.

 

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