Blaulicht / Dienstag, 28.10.2014

Drogenhandel: Ein Dealer an jeder Ecke

 
 

Vom Hamburger Berg bis zur Balduinstraße: Der offene Drogenhandel breitet sich aus. Hilft am Ende nur ein Coffeeshop auf St. Pauli?

 

Im Juni waren es „die zwei“ (Spitzname im Haus). Sie kamen nur freitags- und samstagabends und stellten sich an die Ecke gegenüber dem „Nordlicht“. Muntere Passanten, die vom Hans-Albers-Platz die Friedrichstraße runterkamen, wurden von „den zwei“ angesprochen: „Hello my friend, you need something?“ Wurden sie sich handelseinig, machte der kleinere der Zwei sich auf den Weg Richtung Hafentreppe und kontaktierte etwa auf der Höhe Erichstraße einen dritten Mann mit der Ware.

Im August standen plötzlich auch andere Afrikaner an unserer Ecke. Und seit Ende September sogar schon Mittwochs. Inzwischen sind von Mittwoch bis Sonnabend ab 17 oder 18 Uhr Dealer vor unserer Tür präsent. Auch dann, wenn gegenüber in der Stadtteilschule Am Hafen der Nachmittagsunterricht aufhört.

„I’m just walking here“

„Die zwei“ hatten nie uns Anwohner angesprochen. Die wechselnden Neuen aber wissen nicht, wer hier wohnt. Sie baggern jeden an, sogar wenn man mit Einkaufstüten nach Hause wankt, also nicht zwingend in Feierlaune ist. Das Alter spielt offenbar keine Rolle. „Ich hab sie schon ein paar Mal gebeten, von der Tür wegzugehen, damit ich ins Haus kann“, sagt mein Nachbar.

Von ähnlichen Erfahrungen berichten inzwischen Ladeninhaber und Anwohner in der Balduinstraße und der Bernhard-Nocht-Straße. Manchmal fragen die Dealer auch „Can I help you?“ Fragt man zurück, was sie hier machen, sagen sie: „I’m just walking here.“

Kollegen von der Mopo haben Ende August einen Test gemacht. „Auf Nachfrage wird der Preis genannt. Ein Gramm Kokain für 50 Euro. An einem anderen Tag wird Cannabis angeboten: ‚Brauchst du was zum Rauchen, Bruder?‘ Schnell wird klar, dass es nicht um Zigaretten geht. Zehn Euro soll ein Tütchen Gras kosten.“

Inzwischen weiß jeder Anwohner aus eigener Anschauung, wie das System läuft. Am Handel sind immer mehrere Personen beteiligt: ein Anbahner, ein Läufer, einer, der den Stoff trägt und einer, der das Geld einnimmt. Deshalb ist es für die Polizei schwierig, den Einzelnen Handel mit Drogen nachzuweisen. Es ist nicht strafbar, an der Ecke zu stehen. Es ist nicht strafbar, Geld bei sich zu haben. Die Ware wird aus Depots in der Nähe geholt.

Ausbeute bei einem Mann aus Gambia: 590 Gramm Marihuana

Am ehesten gelingt es verdeckten Ermittlern, tatsächlich Drogenhandel nachzuweisen. Am 22. Oktober haben Zivilfahnder der Davidwache in der Bernhard-Nocht-Straße einen Mann aus Gambia vorläufig festgenommen, den sie beim Verkauf von Marihuana beobachtet hatten. Bei dem 42-Jährigen wurde vermutliches Dealgeld gefunden, bei der Durchsuchung seiner Wohnung außerdem 590 Gramm Marihuana, diverses Verpackungsmaterial und zwei Feinwaagen. Ein kleiner Fisch.

Fast alle, die ich fragte, haben schon mehrfach die Polizei benachrichtigt. „Ich hab die Nummer der Davidwache schon in meinem Mobilphone gespeichert“, sagt einer im Haus Friedrichstraße 37, „unter 110 sind die ja oft schon genervt.“ Die Davidwache reagiere schnell, schicke eine Streife und manchmal auch verdeckte Ermittler. Die Dealer sind wachsam, beim Anblick von Polizisten türmen sie. Aber die Wirkung ist höchstens kurzzeitig. „Neulich haben sie einen verwarnt und weggeschickt“, sagt mein Zeitungshändler im Kiosk Silbersackstraße. „Abends war er wieder da und hat bei uns Zigaretten gekauft.“

Eine Nachbarin im Haus an der Ecke Erich-/Balduinstraße würde manchmal „am liebsten ein paar rohe Eier runterwerfen“, sagt sie. „Die haben oft untereinander Streit, wir haben schon mitgekriegt, dass sie sich geprügelt haben.“ Auch im Nachbarschaftsheim an der Silbersackstraße seien die Dealer „ein großes Thema“, sagt Pastor Sieghard Wilm von der St. Pauli Kirche, „die Leute haben deutliche Veränderungen bemerkt.“

„Vermehrte Polizeieinsätze führen nur zu einer neuen Verdrängung“

Im Elternrat der Stadtteilschule am Hafen sei das Problem bisher noch nicht Thema gewesen, sagt Michael Hermann vom Vorstand des Elternrats. „Unsere Kinder werden durch andere Dinge mehr belastet, zum Beispiel durch den ständigen Müll und Dreck um die Schule.“ An diesem „unmöglichen Zustand“ ändere sich ja auch nichts. Vor Jahren habe Ronald Schill die Dealer vom Schanzenbahnhof vertrieben, jetzt breiteten sie sich in St. Pauli aus. „Vermehrte Polizeieinsätze führen nur zu einer neuen Verdrängung – womöglich vor andere Schulen“, meint Hermann. Bisher gebe es keine Hinweise, dass Drogen an Schüler verkauft würden.

Der Polizei ist bekannt, dass der Drogenhandel auf St. Pauli in diesem Sommer enorm zugenommen hat, südlich wie nördlich der Reeperbahn. Die Bereiche Balduinstraße, Hamburger Berg und Seilerstraße würden vermehrt kontrolliert, sagte uns ein Polizist im Gespräch, außerdem gebe es immer wieder Schwerpunkteinsätze. Oft reiche es schon, wenn die Polizei nur Präsenz in diesen Straßen zeigt. Aber gerade an den Wochenenden ist die Davidwache überlastet.

Klar ist auch, dass die schwarzafrikanischen Straßendealer nur das letzte Glied in der Handelskette sind – diejenigen, die den dreckigsten Job haben. Das große Geschäft machen die türkischen und kurdischen Drogenkartelle im Hintergrund. Sie nutzen die prekäre Lage vieler afrikanischer Flüchtlinge aus, die ohne geklärten Status und ohne Arbeitsgenehmigung in Hamburg leben. „Not schafft prekäre Arbeitsverhältnisse“, sagt Sieghard Wilm.

„Unsere“ und „andere“ Afrikaner

Das ist auch den Anwohnern klar: Ich habe keinen einzigen gesprochen, dessen Groll sich gegen Akrikaner richtet. Viele haben nach eigenen Angaben für die Lampedusa-Flüchtlinge gespendet, die in der St. Pauli Kirche untergekommen waren und von denen immer noch viele regelmäßig zum Deutschunterricht an den Hein-Köllisch-Platz kommen. Diejenigen, die man „nicht kennt“, werden als „andere“ verortet, die „aus der Schanze hierher gekommen“ seien. „Die vom Hein-Köllisch-Platz sind ja unsere“, sagt die Nachbarin aus der Erichstraße, „aber die anderen, die sollen hier verschwinden.“

Auch Wilm ist schon von Dealern angesprochen worden. Sein Antwortsatz: „I pray for your soul.“ Bei vielen Anwohnern hat sich leise Resignation eingestellt. „Wir haben dieses Hin und Her mit den Dealern schon so oft erlebt“, sagt eine Mutter mit Kinderwagen in der Bernhard-Nocht-Straße. „St. Pauli ist ja tolerant und schreit nicht gleich nach der Staatsgewalt. Aber dass ich hier jetzt an jeder Ecke von unbekannten Dealern umgeben bin, macht mir Angst.“

„Wir müssen uns damit beschäftigen, ob die Drogenpolitik gescheitert ist“

Andreas Gerhold, Bezirksabgeordneter der Piraten, setzt sich seit langem für die kontrollierte Freigabe weicher Drogen ein (Foto: Jung)

Andreas Gerhold (Mitte), Bezirksabgeordneter der Piraten, setzt sich seit langem für die kontrollierte Freigabe weicher Drogen ein (Foto: Jung)

„Es wird nicht ausbleiben, dass wir das Betäubungsmittelgesetz reformieren müssen“, sagt Andreas Gerhold, Bezirksabgeordneter der Piraten. Das forderte jetzt sogar André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter: „Das Ziel sollte sein, den Konsum in Deutschland zu entkriminalisieren. Wir müssen uns damit beschäftigen, ob die Drogenpolitik gescheitert ist.“ Schulz plädiert dafür, Drogenkonsumenten zu helfen, ohne sie zu kriminalisieren, und verweist auf Portugal, das hier schon beispielhaft vorangeht. Drei Viertel der Verfahren gegen Konsumenten in Deutschland würden ohnehin eingestellt. Die Verfolgung von Konsumenten binde nur Ressourcen, die dringend für andere Bereiche gebraucht würden.

Auch 122 Strafrechtler des „Schildower Kreises“ fordern in einer Resolution an den Bundestag eine Neuorientierung in der Drogenpolitik: „Die strafrechtliche Drogenprohibition ist gescheitert, sozialschädlich und unökonomisch“, schreiben sie.

Eine Idee: Coffeeshops auf St. Pauli

Die Piraten fordern seit langem ein Ende der Drogen-Prohibition. „Wir setzen uns für eine Regulierung aller Drogen ein“, sagt Andreas Gerhold. „Illegale Märkte muss man austrocknen. Aber bis wir ein reformiertes Betäubungsmittelgesetz haben, kann es nach meiner Einschätzung noch zehn Jahre dauern. So lange können die Leute hier nicht warten. Man muss die Anwohner ernst nehmen.“

Nach seinem Eindruck haben die verstärkten Polizeieinsätze im Florapark dazu geführt, dass die Dealerei sich auf das Gebiet der gesamten Schanze und nach St. Pauli ausgebreitet hat. „Diesen Effekt hatten wir in Hamburg immer wieder: Bekämpfung und Repression führt zum Abwandern, aber nicht zum Verschwinden der Drogenszene. Mann muss pragmatisch über Schritte nachdenken.“

Dazu könnte gehören, Anlaufpunkte und Drogen-Konsumräume wie das Stay alive auf St. Pauli zu reaktivieren: „Erfahrungsgemäß konzentriert sich der Handel um solche Räume, so hat man ihn im Blick. Eine zweite Idee wäre, auch auf St. Pauli Coffeeshops zu eröffnen.“ Nach dem Vorbild der Amsterdamer Coffeeshops (in denen weiche Drogen wie Gras und Haschisch offiziell zu festen Preisen angeboten werden) hat der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg das Modellprojekt eines bundesweit ersten Coffeeshops am Görlitzer Park beschlossen, nachdem jahrelange Polizeieinsätze gegen den dortigen Drogenhandel ergebnislos blieben.

 

Kommentare


  1. Beispiel USA : die Prohibition , der ALKOHOL;
    wer sich zu Tode saufen will; der kann es ja machen: ABER der Profit der Dealer ist weg!!!
    genauso kann man mit den Drogen umgehen.

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  11. Das gibt genug Leute, die dringend MEDIZINISCHES canabis benötigen, was ab 20-17 / Januar – ganz legal zu erwerben ist. Eine so genannte “ Ausnahme Erlaubnis “ zum konsum von medizinischen Canabis ohne Psycho kiiks muss man in der Apotheke vor legen und mit dem Rezept des behandelnden Arzte vorlegen.Austherapierte Schmerz Patienten bekommen durch den Wirkstoff • THC • eine Schmererlösung von 90 % Googelt mal bitte nach ::: Ausnahme Erlaubnis Medizinisches Canabis “ da ist sogar der Antrag. Zu finden. Schmerzpatienten sind dann vom Schmerz erlöst – Tourett, Dystonie , tardive Diskinesie im Oromandibulären Bereich, Parkinson und Multi Sclerose ( MS ) – nur als auszugsweise wenige Beispiele zu benennen – sind alleine in Deutschland über 60.000 Menschen betroffen.

    Die Erlaubnis bekommt man 8 monate nach Antragstellung von der Bundesdrogen und Opium Stelle – bislang musste man ca 3.000 Euro im Monat mit Ausnahme Erlaubnis bei der Apotheke bestellen , das Dauert auch paar Wochen, bis es erhältlch ist.

    Googelt. Mal in YouTube nach : • Tourett und Canabis .• gleich der erste Film ist Aufschlussreich als Doku – aber man muss diese immer bei sich tragen und möglichst nur in dem eigenen vier Wänden konsumieren. Dann muss man exact Buch führen und eintragen wann man wieviel Verbraucht hat. Das muss man dann Einschicken zur Kontrolle. 3 Tausend Euro – 6000 DM – ist nicht gerade ein Schnäppchen – darum geht keiner hin, sich Canabis zu beschaffen -,Ab Januar 2017 ist es von der Krankenkasse zu bezahlen – lediglich 10 Euro pro Rezept sind fällig.

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