Blaulicht / Mittwoch, 06.01.2016

Sexuelle Übergriffe bereits seit November?

 
 

Update: Ein Betreiber berichtet, es habe bereits im November ähnliche Übergriffe wie in der Silvesternacht gegeben. Aufruf zu einer Demo am Sonntag.

Einen Tag nach Bekanntwerden zahlreicher sexueller Übergriffe auf junge Frauen in der Silvesternacht auf St. Pauli, melden sich immer mehr mutmaßliche Opfer bei der Polizei. Inzwischen ist die Zahl der Frauen, die nach eigenen Angaben von mehreren Männern sexuell belästigt und zum Teil beraubt wurden, auf 53 gestiegen. Auch am Jungfernstieg sollen sich ähnliche Fälle ereignet haben. Nach aktuellen Erkenntnissen der Hamburger Ermittler geht es in 39 Fällen um sexuelle Belästigung. Die anderen 14 angezeigten Taten beinhalten zudem einen Raub oder einen Diebstahl. Eine Sonder-Ermittlungsgruppe mit Experten aus den Bereichen Sexualdelikte, Taschendiebstähle und für den Bereich St. Pauli wurde inzwischen eingesetzt.

Ähnliche Übergriffe bereits seit November?

Ein Barbetreiber aus der Großen Freiheit berichtete uns am Mittwoch, dass es bereits in den Wochen vor Silvester zu ähnlichen Übergriffen gekommen sei  wenn auch nicht in dem Ausmaß: „Die Fälle der Silvesternacht sind nicht wirklich neu“, sagte Tom Stutz, Betreiber der Bar „Kiez Alm“ an der Großen Freiheit. „Ich habe bereits Anfang November von unseren Gästen gehört, dass sie auf St. Pauli von Gruppen abgedrängt, begrapscht und auch beklaut wurden.“ Seit drei Wochen lasse er die Promoterinnen, die auf der Straße Flyer an potentielle Gäste verteilen, nicht mehr alleine. „Wir haben jetzt immer einen Türsteher dabei, der auf die Mädchen aufpasst.“

„Dollhouse“-Geschäftsführer Christian Fong (u.a. Dollhouse, Shooters, Safari Bierdorf) bestätigte, dass sich bereits in den vergangenen Wochen „verdächtige Gruppen“ an der Großen Freiheit aufgehalten hätten. Von sexuellen Belästigungen habe er jedoch nichts mitbekommen. Von den Übergriffen in der Silvesternacht habe er bereits am Sonnabend von einem Kollegen erfahren. Die Frauen seien von den Männern „regelrecht gejagt“ worden. „Wir haben die Frauen in die Clubs gelassen und sie in Schutz genommen.“ Alle Bars und Diskotheken an der Großen Freiheit hätten versucht, den unerwünschten Gästen den Zutritt zu den Bars und Clubs zu verwehren.

„Kiez Alm“-Betreiber Tom Stutz schildert: „Etliche Mädchen kamen zu uns und haben um Hilfe gefleht. Sie fragten, ob sie in unserem Club Schutz suchen könnten.“ Daraufhin habe man den gesamten Innenhof des ehemaligen Star Club, in dem auch die Kiez Alm liegt, abgeriegelt. „Die Türsteher haben keinen dieser Männer hereingelassen, damit die Frauen bei uns in Sicherheit sind.“

Polizei prüft erneut Videoüberwachung

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) nannte die Übergriffe auf Frauen am Silvesterabend „eine Schande“. „Wer sich in Gruppen zusammenrottet, um sich an Frauen zu vergehen, hat keine Ehre. Er handelt kriminell, böse und feige.“ Die Täter müssten nun mit aller Härte und Konsequenz verfolgt werden. „Es ist nicht so wichtig, woher sie kommen. Aber es ist wichtig, dass wir wissen, wo sie jetzt sind. Ich bitte alle Betroffenen und Zeugen, sich bei der Hamburger Polizei zu melden und uns bei der Fahndung zu helfen.“ Die Polizei bittet Zeugen und Opfer sich unter der Telefonnummer 040/428 65 67 89 zu melden.

Auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank verurteilte die Übergriffe scharf. Sie sei wütend und beschämt, so Fegebank auf ihrer Facebook-Seite. „Allen Tätern sei gesagt: Eure Mütter würden sich für euch schämen!“ Es sei schlimm, wenn Täter die ausgelassene Feierstimmung ausnutzten, um sich an Frauen zu vergehen. „Das muss auf den harten Widerstand von Gesellschaft und Rechtsstaat treffen. Jeder Fall ist einer zu viel.“

Als mögliche Konsequenz prüft die Polizei derzeit, die Videoüberwachung auf St. Pauli zumindest bei Großveranstaltungen – also auch an den stark frequentierten Wochenenden – zu reaktivieren. Die zunächst im Dauerbetrieb eingesetzten zwölf, in alle Richtungen schwenkbaren Videokameras waren 2006 angeschafft worden, um den Kriminalitätsschwerpunkt Kiez ständig zu überwachen. Sie mussten 2011 wieder abgestellt werden, nachdem eine Anwohnerin erfolgreich gegen die Dauerüberwachung geklagt hatte.

Ob die erneute Aufschaltung der Kameras zulässig ist, müssten nun aber erst einmal Juristen klären, sagte Polizeisprecher Holger Vehren. Die Renaissance der Kameraüberwachung ist nicht die einzige Maßnahme der Polizei, um das Sicherheitsgefühl der Kiezgänger zu stärken. „Wir gehen bereits noch häufiger Streife auf St. Pauli und haben auch die Wochenenden fest im Blick“, sagte Vehren. „Wir wollen deutlich machen, dass die Menschen keine Angst haben müssen, auf den Kiez zu gehen.“

Gewerbetreibende fürchten Imageschaden für St. Pauli

Ein Mehr an Polizei auf dem Kiez würde auch Barbetreiber Tom Stutz begrüßen. Er beklagt, dass die Polizei sich seit dem Sommer deutlich zurückgezogen habe. „Sonst standen die Beamten immer an mindestens zwei Standorten: Am Beatlesplatz und vor der St. Joseph-Kirche an der Großen Freiheit.“ Doch in den vergangenen Wochen seien wesentlich weniger Polizisten unterwegs gewesen. „Die Polizei hat zu wenig Personal“, vermutet Stutz. „Bis die von der Davidwache hierher laufen, sind die Täter längst in der Menschenmenge untergetaucht.“

Er hofft nun, dass die Polizei ihre Präsenz in Zukunft wieder deutlich erhöht. „Aber selbst das wird schwierig, da die Täter oftmals blitzschnell zuschlagen.“ Der Betreiber der „Kiez Alm“ befürwortet daher eine Ausweitung der Kamera-Überwachung auf dem Kiez: „Das würde die Täter sicherlich abschrecken. Außerdem würde es auch unseren Türstehern helfen, die immer wieder angegangen werden.“ Die Zeit drängt seiner Meinung nach: „Sonst bleiben die Gäste bald weg. Das wäre eine Katastrophe für den Kiez.“

Auch „Dollhouse“-Geschäftsführer Christian Fong befürchtet aufgrund der Vorfälle einen enormen Imageschaden für die ganze Stadt. Einer Ausweitung der Videoüberwachung als Konsequenz steht er jedoch skeptisch gegenüber. „Der Kontakt zwischen Polizei und Clubbetreibern muss verstärkt werden.“ Zudem sollte die Polizei häufiger in kleinen Gruppen auf dem Kiez unterwegs sein. „Es geht nicht darum, dass es mehr Polizisten werden, sondern dass sie häufiger ihre Runden drehen, damit sie solche Vorfälle gegebenenfalls direkt vor Ort aufklären können.“ In jedem Fall gelte es einen „Mittelweg“ zu finden.

Benjamin Steinicke, Geschäftsführer des Veranstaltungszentrums „Große Freiheit 36“, warnt ebenfalls vor übertriebener Panikmache. Er selbst hat in der Silvesternacht mit einem Opfer zu tun gehabt, habe das Ausmaß der Vorfälle jedoch nicht erahnen können. „Das ist wirklich bedrohlich, dennoch sollte man jetzt nicht in Panik verfallen.“ Dass junge Frauen auf dem Kiez angegangen und auch begrapscht werden, komme immer wieder mal vor. „Ob es da einen Zusammenhang gibt, kann ich jedoch nicht sagen.“ Eine Ausweitung der Polizeipräsenz sei in seinen Augen nicht nötig. Vielmehr müssten die Beamten für die entsprechenden Delikte besser geschult werden. „Im Großen und Ganzen sind die Sicherheitsmaßnahmen ausreichend.“

Aktuell: Für kommenden Sonntag wird derzeit über Facebook zu einer Kundgebung auf St. Pauli aufgerufen. Unter dem Motto „Wir sind kein Freiwild! Finger weg!“ wolle man Solidarität mit den Opfern demonstrieren und ein deutliches Zeichen setzen. „Es kann nicht sein, dass einige Männer der Meinung sind: Frauen sind Freiwild. Mir ist dabei egal, welcher Nationalität oder Glaubensrichtung sie sind“, so die Initiatorin, die nicht namentlich genannt werden will. „Wir wollen Flagge zeigen: Finger weg von den Frauen.“ Ab 15 Uhr will man sich vor dem Panoptikum treffen. Anschließend wollen die Demonstranten einmal über die Reeperbahn zur Großen Freiheit laufen.

Zuletzt aktualisiert: 6.1. um 22:10 Uhr.

(Foto: dpa)

 

Kommentare


  1. „Eine Ausweitung der Polizeipräsenz sei in seinen Augen nicht nötig. Vielmehr müssten die Beamten für die entsprechenden Delikte besser geschult werden. “Im Großen und Ganzen sind die Sicherheitsmaßnahmen ausreichend.”“(b. steinicke)
    die polizeipräsenz war ganz offensichtlich nicht ausreichend. „Dass junge Frauen auf dem Kiez angegangen und auch begrapscht werden, komme immer wieder mal vor.“
    ach so. wenn es weiter nichts ist, außer dass frauen begrapscht werden, dann ist ja alles in ordnung. diese relativierung kotzt mich an!

    • Teilweise gehen die Täter so geschickt vor, dass selbst ein Polizist, der fünf Meter entfernt steht und in die Richtung schaut, nichts bemerken kann.

      Ich war Silvester auf der Großen Freiheit als mit genau das passiert ist, aber ich bin glücklicherweise ganz gut in der Lage, mich selbst zu wehren!

  2. Ich würde mal behaupten, die Polizei ist durchaus auf dem Kiez unterwegs, nur sind eben dank der aktuellen Senatspolitik die meisten Beamten damit beschäftigt im Bereich Hafenstraße/B-Nocht-Straße ein paar arme Würstchen zu jagen, die dort mit dem Verkauf von Hasch Geld verdienen möchten. Und das Belästigen und Kontrollieren von Flüchtlingen der Gruppe „Lampedusa in Hamburg“ bindet natürlich auch Polizeikräfte…

    • Sind diese „Täter“ nicht auch über Lampedusa gekommen? Ich glaube schon…genauso wie die ganzen von Ihnen verharmlosten Drogendealer, auch diese hab ich schon auf übelste Art und Weise Mädchen anquatschen sehen.

    • Wann werden die schwarzen Dealer denn gejagt? Ich muss jedesmal durch ein Spalier von Dealern, die ihre verteuerte Ware anbieten und dich anlügen und bescheißen.
      Sofort ausweisen und ihnen durch Legalisierung die Grundlage entziehen.

      • Die Polizei darf die schwarzen Dealer nicht jagen, dann gibt es wieder einen Aufschrei das es sich um rassistische Kontrollen handeln würde… Obwohl es ja wohl offensichtlich ist wer dort dealt!!!
        Auf Anwohner wird keine Rücksicht genommen, da braucht man weder von der Polizei noch von den schwarzen Dealern etwas erwarten, sei froh dass du von zweiteren nicht bedroht wirst..auch das hat es schon mehrfach gegeben!!!

    • …die Polizei ist definitiv nicht allein damit beschäftigt, die Dealer zu kontrollieren. Im Gegenteil, sie haben fast keine Möglichkeit, gegen diese Leute vorzugehen, da sie „ja nur rumstehen“. Aber genau diese Jungs haben es seit 2-3 Jahren drauf, Frauen anzusprechen und zu verfolgen. Leider ist die Polizei nicht in der Nähe, wenn das passiert. Als Anwohnerin lebt man in ständiger Angst, wenn man alleine im Dunkeln nach Hause geht. Das sind keine armen Würstchen.
      Es ist bitter, hier zu lesen, wie das Problem, dass Männer Frauen ansprechen und verfolgen verniedlicht und herabgewürdigt wird zu….die Polizei ist mit dem Kontrollieren von Kleindealern beschäftigt, die doch nur Haschisch verkaufen wollen….und mit dem Belästigen und Kontrollieren der Lampedusa-Flüchtlinge….
      Erst seit diese Gruppe hier ist, werde ich nachts verfolgt. Vorher ist das nie passiert. Verharmlosung und Mitleid für ausgerechnet diese Männer ist der falsche Ansatz, sich dieser immer schlimmer werdenden Problematik für Frauen/Anwohnerinnen auf St. Pauli zu nähern.

      • Mir geht es genau wie Rieke, die Dealer laufen auch seit einiger Zeit immer mit mir mit oder hinterher wenn ich an ihnen vorbei muss und machen mir sexuelle Angebote auf unterstem Niveau. Die Polizei kann natürlich nichts machen, bis mich einer von denen mal anfasst…Ich weiß langsam nicht mehr was hier noch passieren soll damit der Staat uns endlich wieder schützt.
        Seit dem letzten Jahr ist es besonders schlimm, weil es immer mehr werden und die wissen anscheinend dass ihnen nichts passiert, die sind sich ihrer Sache sehr sicher.

  3. Wenn die Club-Betreiber das schon länger beobachten, warum haben die sich nicht an die Wache gewandt. Dort nuimmt man Hinweise doch sicher entgegen? oder? Leider wird es wieder mal Zeit für eine ASktion „Freundliche Tür“ in deren Rahmen darauf aufmerksam gemacht wird, dass Frauen und Mädchen die bedrängt werden dort Hilfe finden.

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